Ankündigung: Zukunftsvisionen der Lichtstadt

Für unsere letzte Werkstatt fahren wir im Oktober nach Jena, bis 1990 Sitz des VEB Carl Zeiss Jena, mit 60.000 Beschäftigten das größte Kombinat der DDR. Auch nach der Wiedervereinigung ist Jena eines der Zentren von Forschung und Technologie in Thüringen und war 2008 auch Stadt der Wissenschaft.

Diskussionswerkstatt
ZUKUNFTSVISIONEN DER LICHTSTADT
Jena und die Arbeitswelt von morgen

Jena: Stadt der Optik, der Ingenieurskunst, des Lichts. Mit Ernst Abbe und Carl Zeiss verbanden sich im Industriezeitalter schon früh Wissenschaft und Technik und die „Lichtstadt“ Jena wurde zum Standort eines florierenden, weltweit bekannten Unternehmens. Auch nach 1945 florierte der Betrieb, der nun als VEB Carl Zeiss Jena das größte Kombinat des Landes und sein wissenschaftliches und technologisches Zentrum war. Zukunftsvisionen eines auf wissenschaftlich-technischen Fortschritt aufgebautem Sozialismus schienen nirgends greifbarer als hier. Im Zug der Wende sollten jedoch auch in Jena zehntausende Menschen schlagartig ihre Arbeit verlieren; am härtesten traf es weibliche Arbeitskräfte.

Im Vergleich zu anderen ostdeutschen Städten hat Jena die Wende relativ gut überstanden: Neben Zeiss und Jenoptik gibt es eine Reihe von anderen Tech-Unternehmen in der Region, die von der Nähe von Wissenschaft und Technik profitieren. Fachkräftemangel scheint aktuell ein größeres Problem darzustellen als Arbeitslosigkeit. Die neuen Arbeitswelten bedeuten jedoch auch neue Herausforderungen in der Ausbildung und am Arbeitsplatz. Wie gut ist Jena aufgestellt für die Zukunft? Und wie wünschen sich die Menschen in Jena die Arbeitswelten von morgen?

​ Es diskutieren:

Dr. Karina Becker
Kolleg Postwachstumsgesellschaften Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dörthe Knips
Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat Jenoptik AG

Sören Marotz
Ausstellungsleiter DDR Museum, Berlin

Tobias Ziegan
Segmentleiter Rundoptik und Endfertigung Carl Zeiss GmbH

Grußwort von Prof. Dr. Timo Mappes, Gründungsdirektor des Deutschen Optischen Museums
Rahmenprogramm: Live-Drawing und Sketchnoting mit Beetlebum

Mittwoch, 10. Oktober 2018
Deutsches Optisches Museum
Carl-Zeiss-Platz 12, 07743 Jena
19:00 bis 21:00 Uhr
Eintritt frei

Das Projekt „Zurück in die Arbeitswelten der Zukunft“ ist eine Kooperation des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), der Universität Halle-Wittenberg und des Vereins science2public, findet im Rahmen des Wissenschaftsjahrs 2018 „Arbeitswelten der Zukunft“ statt und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

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Interview: „Die Arbeit muss sich an den Menschen anpassen und nicht die Menschen an die Arbeit.“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Halle (Saale) erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Blog veröffentlichen. Das erste unserer Hallenser Interviews führten wir mit Karamba Diaby, dem Bundestagsabgeordneten für den Bundestagswahlkreis Halle. Herr Dr. Diaby war von 2009 bis 2015 Stadtrat in Halle und zog 2013 erstmals für die SPD in den Bundestag ein. Er ist Mitglied im erweiterten Fraktionsvorstand der SPD-Bundestagfraktion sowie ihr Integrationsbeauftragter und war im Bereich Migration und Integration auch an den Koalitionsverhandlungen nach der letzten Bundestagswahl beteiligt. Herr Diaby ist zudem Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages.

Herr Diaby, da wohl nicht alle Leser*innen wissen, worum es sich bei Technikfolgenabschätzung handelt und wie diese betrieben wird: Können Sie uns in der größtmöglichen Kürze beschreiben, welche Arbeit Sie und andere Bundestagsabgeordnete im Ausschuss für Technikfolgenabschätzung machen? Weswegen ist Technikfolgenabschätzung wichtig – für die Politik, für die Wissenschaft, für die Gesellschaft? Und was erhoffen sich Politik und gesellschaftliche Gruppen von Technikfolgenabschätzung?

Eine Besonderheit unserer Ausschussarbeit ist die Kooperation mit dem Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB). Betrieben wird das Büro vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Dieses berät den Bundestag bei forschungs- und technologiepolitischen Fragen und liefert Analysen und Gutachten.

Ein Beispiel, womit sich das Büro beschäftigt: Wir wissen heute zum Beispiel, dass wir allein in Sachsen-Anhalt über 40.000 Pflegefachkräfte brauchen. Vor diesem Hintergrund forscht das Büro für Technikfolgenabschätzung zur Servicerobotik. Für Aufgaben in der Altenpflege befinden sich Prototypen in der Entwicklung und vereinzelt auch bereits im Einsatz.

Dass sich robotische Pflegeanwendungen noch nicht durchgesetzt haben, liegt auch daran, dass Menschen von Menschen gepflegt werden wollen. Ich denke auch, dass die Fürsorge, die ein Patient braucht, nur ein Mensch aufbringen kann. Dennoch müssen wir überlegen, ob es assistierende Techniken für die Pflegefachkraft geben sollte.

Welche wissenschaftlichen und technischen Veränderungen in der Arbeitswelt stehen aktuell zur Debatte? Wie könnte der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen? Was sind die großen Themen, die Sie im Ausschuss Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung umtreiben?

Wir haben viele Themen: Es geht um die Zukunft der Berufsbildung, es geht um die Zukunft der Arbeit. Es geht auch um die Digitalisierung und um Künstliche Intelligenz – wir haben dazu vor kurzem eine Enquete-Kommission geschaffen.

Welche Gefahren sehen Sie persönlich in der aktuellen Entwicklung der Arbeitswelten – gerade, wenn es um Digitalisierung und neue Technologien geht? Welche Chancen ergeben sich durch neue Innovationen und Weiterentwicklungen? Und wie wird sich der Arbeitsmarkt angesichts der weitergehenden Automatisierung, Digitalisierung und Algorithmisierung entwickeln?

Ich sehe konkret die Gefahr, dass die Menschen, die in produktionsnahen Bereichen und teilweise in der Dienstleistungsbranche arbeiten, ihre Jobs verlieren. Die Politik hat deshalb die Aufgabe die Digitalisierung sozialverträglich zu gestalten. Das heißt: Wir müssen darüber nachdenken, was wir mit den Menschen machen, die erstmal keine Arbeit finden können. Qualifizierungen und Weiterbildungen sind hier natürlich wichtig. Der Staat muss hier massiv investieren.

Darüber hinaus wird die Bevölkerung schrumpfen. Wir müssen heute schon überlegen, wie wir es schaffen, dass das Arbeitskräftepotenzial nicht schrumpft. Deshalb setzen wir uns als SPD bereits heute für ein Einwanderungsgesetz ein, das regeln soll, wer zu uns kommt. Und wir müssen auch langfristig überlegen, ob die 40-Stunden-Woche das richtige Format ist. Eine Reduktion der gesetzlichen Wochenarbeitszeit könnte sinnvoll sein, wenn in Zukunft immer mehr Arbeitsprozesse digitalisiert werden.

Wir müssen zudem darüber nachdenken, dass die Betriebsräte mehr Mitbestimmung erhalten, wenn es um die Digitalisierung eines Unternehmens geht. Heute kann ein Betriebsrat nicht mitentscheiden, ob er – bisschen plakativ gesagt – einen Roboter als Kollegen bekommt oder einen Menschen.

Ihre eigene Partei, die SPD, wurde in den letzten 10 Jahren auf Bundesebene für die Agenda 2010 abgestraft; parteiintern wird aktuell wieder diskutiert, ob sich Sozialdemokraten von den umstrittensten Maßnahmen wie etwa den Hartz-Reformen abwenden sollen. Auf welchem Pfad sehen Sie die SPD, was die Arbeitspolitik angeht? Welche Ziele will die Sozialdemokratie innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte in diesem Feld verwirklichen?

Die SPD hat in der Vergangenheit Fehler gemacht. Wir haben zum Beispiel am Anfang der Hartz-Gesetze nicht einen Mindestlohn eingeführt. Das hat dazu geführt, dass die Löhne niedrig blieben. Wichtig ist, dass wir jetzt durch einen Sozialen Arbeitsmarkt und das Teilhabe-Chancen-Gesetz und eine Qualifizierungsoffensive Menschen wieder in Arbeit bringen wollen.

Wir müssen Hartz IV überwinden und über ein solidarisches System nachdenken. Wir brauchen keinen aktivierenden Staat, sondern einen aktiven Staat. Das heißt: Wir müssen mehr fördern. Insgesamt wollen wir in dieser Legislatur 4 Milliarden Euro allein für Langzeitarbeitslose nutzen.

Welche technische Entwicklung in den Arbeitswelten beschäftigt Sie persönlich am meisten und sollte Ihrer Meinung nach mehr Gehör finden? Welches Thema würden Sie gerne den Besucherinnen und Besuchern dieser Veranstaltung mit nach Hause mitgeben?

Wir haben viele Themen. Sicher ist ein großes Thema – neben der Digitalisierung – die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Das ist ein Thema, das uns auch in den nächsten Jahren stärker begleiten wird.

Eine Frage an Sie persönlich: Was wäre für Sie eine positive Vorstellung der Arbeit im Jahr 2050? Gibt es so etwas wie eine „ToDo-Liste“ an Anliegen, bei denen Weiterentwicklungen und Anpassungen besonders nötig erscheinen?

(lacht) Ich hoffe, mich ersetzt bis dahin kein Roboter.

Jetzt im Ernst: Wir werden einen radikalen Umbau des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems haben. Auch in der Zukunft muss es für die SPD gelten: Die Arbeit muss sich an den Menschen anpassen und nicht die Menschen an die Arbeit. Auf Basis der Menschenwürde müssen wir einen Rahmen entwickeln, in dem Menschen zusammenleben können, arbeiten und gleichzeitig viel Zeit für ihre Familien und Freunde haben.

(Fotografie: Ute Langkafel)

Weblinks:

Die Abgeordneten-Webseite von Dr. Karamba Diaby

Dr. Karamba Diaby auf den Seiten des Deutschen Bundestages

Zurück in die Zukunft der Arbeit 2070!

Bis Mitte Oktober ziehen die #Zukunftsfragen auf Instagram und Facebook auf die Accounts  von „Zurück in die Zukunft der Arbeit 2070“ um, einem der Gewinnerprojekte im Hochschulwettbewerb 2018. Zurück in die Zukunft der Arbeit 2070 ist ein Projekt des Instituts für Berufsbildung – Entrepreneurship Education an der Uni Kassel, Teil des Wissenschaftsjahrs 2018 – Arbeitswelten der Zukunft und beschäftigt sich damit, wie heute die Arbeit im Jahr 2070 mitgestaltet werden kann. Auf Twitter werden weiterhin wir das Posten übernehmen.

Die erste Zukunftsfrage wurde heute gepostet:

Wir freuen uns sehr über die futuristische Kooperation mit Annett Adler, Verena Liszt und Zurück in die Zukunft der Arbeit 2070 und werden auch am 18. Oktober 2018 mit am Start sein, wenn im Technikmuseum Kassel die Finissage des Projektes stattfindet!