Projektvorstellung bei der INSIST-Nachwuchstagung

Dieses Wochenende fand am Karlsruher Institut für Technologie die 3. Nachwuchstagung des INSIST-Netzwerks statt und auch wir waren dort unterwegs, um zu netzwerken, uns von zahlreichen spannenden Vorträgen inspirieren zu lassen und beeindruckt von der interdisziplinären Fülle dort zu sein. INSIST steht für „Interdisciplinary Network for Studies Investigating Science and Technology“ und dient als Plattform für Nachwuchswissenschaftler*innen, die sich mit Wissenschafts- und Technikfragestellungen aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive beschäftigen.

Die diesjährige Tagung stand unter dem Motto „Von Menschen und Maschinen. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Gesellschaft und Technik in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ und bot über 30 Vorträge, Workshops, Diskussionsrunden und Kunstinstallationen zu diesem Thema. Der Veranstaltungsort war die Abteilung Wissenschaftskommunikation am KIT.

Auch Andie Rothenhäusler, der bei uns für die wissenschaftliche Konzeption zuständig ist, hielt einen Vortrag, nämlich über unser Projekt im Wissenschaftsjahr und die gesellschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung von Technik und Maschinen in der alten Bundesrepublik.

Es gab jedoch auch zahlreiche andere Vorträge, die für uns sehr interessant waren, so etwa die Diskussionsrunde „Wo ist der Mensch in der automatisierten Produktion?“, die Nikolai Ingenerf (Deutsches Bergbau-Museum Bochum) und Moritz Müller (Ruhr-Universität Bochum) am Sonntagmorgen durchführten:

Interview: „Die Humanisierung der Arbeitswelt ist eine Daueraufgabe“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Dortmund erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Blog veröffentlichen. Das erste unserer Dortmunder Interviews führten wir mit Gabi Schilling, der Leiterin des Gewerkschaftsprojektes „Arbeit 2020 in NRW“ der IG Metall Nordrhein-Westfalen. Frau Schilling war von 1999 bis 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Qualifikation sowie am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. Sie ist seit 2013 Gewerkschaftssekretärin; das Ziel ihres Projektes ist es, Beschäftigte und Betriebsräte bei der Einführung der Digitalisierung zu beraten, zu unterstützen und einen Dialog zwischen ihnen, Management und Technikentwickler*innen zu etablieren.

Frau Schilling, genau wie das „Internet der Dinge“ ist die „Industrie 4.0“ ein Schlagwort, das aktuell in aller Munde ist, ohne dass notwendigerweise alle Menschen genau verstehen, worum es dabei geht. Wollen Sie sich an einer allgemeinverständlichen Kurzfassung für unsere Leser*innen versuchen, was Industrie 4.0 ist und welches Potenzial sie hat?

Der Begriff Industrie 4.0 wurde erstmals auf der Hannover Messe 2012 publik gemacht. Seinerzeit hatten hochkarätige Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler der Akademie für Technikwissenschaften betont, dass Deutschland – anders als die amerikanischen Vorreiter aus dem Silicon Valley – über herausragende Erfahrungen Kompetenzen und Knowhow in der Produktionstechnologie verfügt, die mit den Mitteln digitaler Technologien optimiert werden können und damit neue Chancen für den Industriestandort mit sich bringen.

Voraussetzung dafür sind die mittlerweile nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, Produktions- und Prozessdaten digital zu erfassen und zu speichern, und auf diese jederzeit zurückgreifen zu können (Das Stichwort lautet hier BIG DATA). Mit Hilfe jederzeit, von jedem Ort und in Echtzeit abrufbarer Datenmengen können Prozesse, Arbeitsschritte optimiert, weltweit vernetzt werden. Das erlaubt beispielsweise Kunden und Zulieferern direkten Zugriff auf Produktions-, Prozess- und Produktdaten und immer stärker individualisierte Produkte (Stichwort Losgröße 1). Stark individualisierte Produkte in einer Massenfertigung herzustellen war bislang nicht möglich. Letztlich ist Industrie 4.0 die konsequente und durch BIG DATA möglich gewordene Fortsetzung der Entwicklung des Computer Integrated Manufacturing (CIM) und des Computer Added Designs (CAD). Allerdings handelt es sich nicht mehr nur um Insellösungen an bestimmten Maschinen oder in einzelnen Abteilungen eines Unternehmens, sondern um eine durchgängig vernetzte Wertschöpfungskette – also auch mit externen Unternehmen, Kunden oder Zulieferern. Auch erfasst diese Entwicklung alle Bereiche eines Unternehmens, weit über die Produktion hinaus (smart office).

Industrie 4.0 birgt dann Chancen für die deutsche Industrie, wenn sie bei der Entwicklung intelligenter Produkte und Prozesse und neuer Geschäftsmodelle umgesetzt wird (der Betrieb produziert dann z.B. nicht nur eine Pumpe oder eine Heizung, sondern das reibungslose Pumpen und stets funktionierende Heizanlagen im Sinne einer verlässlichen Serviceleistung). Es ist vorstellbar und zu hoffen, dadurch Standorte und Kompetenzen in die Zukunft zu entwickeln, neue kundenspezifische Geschäfts- und Vertriebsmodelle zu entwickeln und dadurch neue Märkte zu erschließen. Das geht aber nur dann, wenn die Menschen, die bislang in der Industrie tätig sind, dabei mitreden können, wenn sie ausreichend Gelegenheit erfahren, sich weiterzubilden und beruflich weiterentwickeln zu können, wenn digitale Technologie schon in ihrer Entwicklungsphase das Erfahrungswissen und die Bedarfe der Beschäftigten ausreichend berücksichtigt. Andernfalls führen die teils umfangreichen Veränderungsprozesse in den Betrieben (Transformation) zu Verunsicherung und Angst vor Arbeitsplatzverlust, vor dem Abgehängtwerden und damit zu (teils nicht unberechtigter) Angst vor der Zukunft.

Im Projekt „Arbeit 2020 in NRW“ beschäftigen Sie sich intensiv damit, welche Effekte die Durchsetzung der Industrie 4.0 auf den Arbeitsplatz hat. Können Sie uns beschreiben, was das Anliegen Ihres Projektes ist und wie Sie dabei vorgehen?

Unser Anliegen ist, dass die Transformationsprozesse in den Betrieben für die Beschäftigten transparent werden, und zwar so, dass sie frühzeitig erkennen, wie sich Arbeit und wie sich einzelne Tätigkeiten verändern und wie sie diese mitgestalten können. Wir sind der festen Überzeugung, dass eine gute Zukunftsperspektive und eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Technologien nur im Dialog mit allen Beteiligten – Beschäftigten, Interessenvertretungen und Managementvertretern – gelingen können. Dafür müssen diese wissen, wo sie stehen und welche Entwicklungen auf sie zukommen. Das erfordert weit mehr als nur Technikentwicklung, sondern gleichzeitig die Entwicklung der Menschen und der gesamten Arbeitsorganisation.

Wir haben dafür das Instrument der Betriebslandkarte entwickelt. Hier schauen wir uns systematisch in betrieblichen Workshops alle relevanten Abteilungen eines Unternehmens an und „vermessen“ den Stand der Entwicklung. Bezogen auf die digitale Technik fragen wir nach dem Grad der Vernetzung und dem Grad der Steuerung durch Technik. Bezogen auf die Arbeit und die Menschen fragen wir: Wie haben sich in den letzten Jahren die Qualifikationsanforderungen entwickelt? Wie hat sich die Belastungssituation entwickelt? Wie sieht die Beschäftigungssituation aus? Sind Arbeitsplätze auf- oder abgebaut worden? Sind gegebenenfalls sogar neue Abteilungen/Unternehmensbereiche hinzugekommen?

Die Ergebnisse dieser Analyse halten wir mit Symbolen auf der sog. Betriebslandkarte fest, ebenso die Einschätzungen, wie sich die Situation in den nächsten Jahren verändern wird. Dieses auf den Einschätzungen zahlreicher Gesprächspartner im Betrieb basierende „Bild“ einer Betriebslandkarte ist Ausgangspunkt für einen intensiven Dialog mit dem Management. Es visualisiert beispielsweise, in welchen Abteilungen Qualifikationsanforderungen deutlich gestiegen sind und wo entsprechend Qualifizierungsbedarf besteht, es zeigt auch, wo durch Wegfall bestimmter Tätigkeiten Dequalifizierung drohen könnte. Es markiert, in welchen Bereichen Belastung (z.B. durch Arbeitsintensivierung) zugenommen hat, aber auch wo durch Technik ergonomische Entlastung erfolgte. Auf dieser Basis identifizieren wir gemeinsam betriebliche Handlungsfelder und legen – wo es möglich ist – in Zukunftsvereinbarungen fest, in welcher Weise Betriebsrat und Geschäftsführung die notwendigen Maßnahmen mit welchen Schritten gemeinsam weiterbearbeiten und Lösungen entwickeln.

Unsere bisherige Erfahrung im Wissenschaftsjahr war, dass weitergehende Technisierung und Digitalisierung von Gewerkschaften oft demonstrativ begrüßt wird, obwohl es natürlich gerade deren Mitglieder sind, die vom dadurch bedingten Stellenabbau betroffen sind. Sehen Sie selbst hier ein Spannungsverhältnis, in dem sich Arbeitnehmervertretungen befinden – und wenn ja, wie würden Sie dieses beschreiben?

Demonstrative Begrüßung trifft es nicht. Gewerkschaften setzen sich für die Zukunft von guter Arbeit ein. Sie sind sich bewusst, dass die Arbeitswelt sich permanent verändert. Sie wissen, dass nachsorgendes und reaktives Bearbeiten von Fehlentwicklungen und das Abfedern der negativen Konsequenzen (wie z.B. bei Arbeitsplatzabbau, Einkommensminderung, Schließung ganzer Standorte) durch Sozialpläne oder Tarifabweichungsverhandlungen kein zukunftsorientierter Weg sein kann. Insofern setzen wir uns für proaktives Handeln und mitgestaltende, d.h. die Beschäftigten beteiligende Lösungen ein. Uns kommt es darauf an, die Technikentwicklung insofern positiv zu gestalten, dass von der Wasserfalllogik – Technik wird weiterentwickelt, Menschen müssen sich anpassen – zugunsten einer gleichzeitigen Entwicklung von Mensch, Organisation und Technik abgewichen wird. Digitale Technologien legen ein enormes Tempo vor und es gibt immer wieder Entwicklungssprünge, bei denen Organisation und Technik und auch veränderte Führungskulturen auf der Strecke bleiben. Wir sorgen durch unseren Einsatz und einen intensiven Dialogprozess im Betrieb dafür, dass dies korrigiert wird.

In den meisten sozialpartnerschaftlich agierenden Unternehmen zeigt sich, dass diese gemeinsame Weiterentwicklung in eine teils noch offene Zukunft der bessere Weg ist. Daher setzen wir uns auch für die Stärkung der Tarifbindung und die Unterstützung der Interessenvertretungen durch Projekte wie z.B. Arbeit 2020 ein. Ich will nicht verschweigen, dass Transformationsprozesse – erst recht solche mit offenem Ausgang – und strategische Zukunftsentscheidungen als Domäne der Geschäftsführungen angesehen werden. So ist es durchaus ein Novum über „noch ungelegte Eier“ gemeinsam zu verhandeln.

Hier kommt es auf einen Kulturwandel an, für den wir uns einsetzen. Gemeinsam mit den Beschäftigten, die einen wesentlichen Beitrag zu Innovationen leisten und diese umsetzen, sind Wege für gute Arbeit nachhaltig zu entwickeln.

Was sind aus Ihrer Perspektive die eindeutigen Chancen, die uns die Arbeitswelten der Zukunft zu bieten haben? Wo sehen Sie hierbei die Risiken, auf die wir uns einstellen müssen?

Digitale Technologien bergen das Potential für neue Beschäftigungsfelder, komplexere und interessante Aufgabenbereiche und auch für mehr – auch zeitliche – Entlastung und mehr Kreativität. Ob diese Chancen auch zum Nutzen für die Beschäftigten und die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze entwickelt werden, dafür müssen in vielen Betrieben die Voraussetzungen erst geschaffen werden. So mancher Innovationsimpuls basiert auf dem Erfahrungsschatz und den Kompetenzen der Beschäftigten. Chancen und Risiken liegen häufig nah beieinander. Flexibles Arbeiten kann heißen rund um die Uhr, auf Abruf – eben allein ausgerichtet an den Erfordernissen, die das Unternehmen sieht. Flexibles Arbeiten kann aber auch große Chancen für die Beschäftigten haben, um Arbeit und lebensweltliche Anforderungen besser bewältigen zu können. Hier kommt es auf eine geregelte Balance an, denn wir alle kennen die Untersuchungen zu Burnout, Überlastung, zur Zunahme insbesondere psychischer Belastungen, zur Arbeitsintensivierung.

Gefährdungsbeurteilungen digitaler Arbeit, von Mensch-Maschine-Kooperationen, von Arbeit mit kollaborierenden Robotern, die das Tempo vorgeben. Auch die zunehmende Komplexität von Entscheidungen in vernetzten Systemen ist bei der Leistungsbeurteilung dringend erforderlich.

Wie bereits geschildert funktioniert Industrie 4.0 nur auf Basis einer umfangreichen Sammlung von Daten – auch personenbezogenen. Das Thema Datenschutz, gläserner Mensch ist für uns ein weiteres wichtiges Handlungsfeld.

Wir hatten für unsere Diskussionswerkstatt auch eine Referenten-Anfrage an ein ziemlich großes Internet-Unternehmen gestellt, welches oft von Arbeitnehmervertretungen kritisiert wird; der Konzern hat uns jedoch leider abgesagt. Inwiefern sind die neuen Arbeitswelten auch mit der Etablierung neuer Arbeitsverhältnisse verbunden, welche auf Kosten der Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechte geht? Welches sind die größten Probleme, die Sie in diesem Bereich sehen?

Das wundert mich nicht. Gerade Konzerne der Softwaregiganten, die in ungekannten Ausmaß von den Errungenschaften der technologischen Machbarkeit profitieren und enorme Gewinne erwirtschaften, kümmern sich in der Regel wenig um ihre Beschäftigten. Dort etablieren sich zusehends Beschäftigungsformen, die mit regulierten Arbeitsverhältnissen wenig zu tun haben. Crowd- und Clickworking, Zunahme von Werkverträgen, befristeten Beschäftigungsverhältnissen mit meist schlechter Bezahlung sind dort Usus. Dass die Vertreter dieser Konzerne wenig Interesse an einem Dialog über gute Arbeit haben, ist aus ihrer Logik des „Weiter-so in der Gewinnmaximierung“, leider durchaus verständlich. Nicht aber dann, wenn der Wert menschlicher Arbeit auch in Zukunft eine angemessene WERTschätzung erhalten soll.

In weniger als anderthalb Jahren wird „Arbeit 2020“ nicht mehr die Zukunft beschreiben, sondern die Gegenwart. Wenn wir Sie nach Ihren Vorstellungen der „Arbeit 2050 in NRW“ befragen: Welche Entwicklungen erhoffen Sie sich, wo sehen Sie am meisten Konfliktpotential? Wie sieht die humane Arbeitswelt der Zukunft aus Gewerkschaftsperspektive aus?

Die Humanisierung der Arbeitswelt ist eine Daueraufgabe – hoffentlich nicht nur für die Gewerkschaften. Human ist aus unserer Sicht die Arbeitswelt dann, wenn nicht Technik – wie avanciert auch immer – oder gar künstliche Intelligenz die menschlichen Fähigkeiten und Kompetenzen überflüssig macht, sondern Menschen nach wie vor die Steuerung dieser Technologien im Griff behalten. Technik sollte Menschen helfen, Zeit für andere, interessantere, ihre berufliche Entwicklung befördernde und ihre Existenz sichernde Arbeit und ihr Leben zu erhalten. Kreativität und Innovationen sollten von Menschen ausgehen, nicht von intelligent programmierten Algorithmen. In vielen Anwendungsbereichen digitaler Technologie und künstlicher Intelligenz gibt es noch viele nicht gelöste ethische Fragen: Was darf Technik entscheiden, was nicht? In welcher Weise und Umfang soll sie zum Einsatz kommen, wo besser nicht?

Positiv formuliert: ganz neue Beschäftigungsfelder können entstehen, die mehr Flexibilität auch für die Lebenswelt der Beschäftigten mit sich bringen. Arbeit muss nicht mehr an einem festen Arbeitsplatz verrichtet werden, zu dem sich die Menschen allmorgend- und abendlich hinstauen und die Verkehrswege verstopfen. Viele junge Menschen sind mit digitaler Technologie vertraut und haben Interesse an neuen Formen der Arbeit. Gleichwohl brauchen wir einen regulierten Rahmen, in dem dies geschieht. Ich nenne nur kurz den Trend zur Entgrenzung von Arbeit, zu nicht eingehaltenen Ruhepausen, zu immer höherer Arbeitsintensität, zum gläsernen rund um die Uhr kontrollierten Menschen. Hier gibt es noch eine ganze Menge Arbeit zu tun

Roboterbastelvorlage

Unsere Roboterbastelvorlage kam beim Weltkindertagsfest sehr gut an, aufgrund mehrerer Nachfragen haben wir beschlossen, sie zum Download zu stellen:

Roboterbastelvorlage „Zurück in die Arbeitswelten der Zukunft“ (PDF, 1,27 MB)

Die Vorlage sollte am besten auf dickerem Papier ausgedruckt werden, ihr braucht zum Zusammenfügen eine Schere und Kleber.

 

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Unser Studi-Team beim Weltkindertagsfest in Karlsruhe trotzt dem Sturm! 🍃🌥️🌪️ #ArbeitsweltenDerZukunft

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Bericht: Themenabend & Filmvorführung „Ohne Hände geht nix“

Nicht nur in Karlsruhe, auch in Halle finden aktuell studentische Veranstaltungen unseres Projektes statt. Ende September lud unser Filmseminar an der Martin-Luther-Universität zum ersten von zwei Filmabenden. Die Studierenden von Uta Kolano haben den Sommer über mehrere Kurzfilme über die Arbeitswelten der Zukunft produziert und führten diese am 26. September im Stadtmuseum Halle vor.

Der erste Themenabend „Ohne Hände geht nix“ beschäftigte sich mit dem Wandel der Arbeit in den Bereichen des Backhandwerkes und der Landwirtschaft, als Panelgäste geladen waren Björn Stahr als Vertreter der Ostrauer Agrar GmbH, der auch Landwirt ist, ein früherer Landwirt, der inzwischen bei einem Computerkonzern arbeitet; sowie Dr. Friedemann Berg, Geschäftsführer des Zentralverband des Deutschen Bäckereihandwerk e.V. Insgesamt 30 Teilnehmende diskutierten angeregt über die Veränderungen, die sich aktuell und in Zukunft in beiden Branchen ergeben; durch den Abend führte Uta Kolano sowie die Studierenden selbst. Auch die Filme wurden vom Publikum gut aufgenommen und boten sowohl für Teilnehmer*innen wie das Panel Anknüpfungspunkte für die Diskussion.

Gefreut hat uns auch, dass auf die Veranstaltung auch von der Stadt Halle sowie vom FOCUS hingewiesen wurden.

Der nächste Filmabend „Ohne digital geht nix“ findet am 24. Oktober 2018 ebenfalls im Stadtmuseum Halle statt, der Eintritt ist erneut frei.

Wir waren beim Weltkindertagsfest!

Die letzten beiden Wochen war bei uns ziemlich viel los – unsere vorletzte Werkstatt in Dortmund fand letzten Sonntag statt, die Tage davor lud die Abteilung Wissenschaftskommunikation am KIT zu einem dreitägigen Symposium ein. Außerdem bewerben wir uns gerade für das Wissenschaftsjahr 2019 und hatten deshalb alle zwei Tage eine Telefonkonferenz zwischen Karlsruhe und Halle. Deswegen kommt erst jetzt der Blogpost von uns dazu, dass unsere Studierenden mit einem Stand beim Weltkindertagsfest am 23. September in Karlsruhe waren und dort einen Stand betrieben haben.

 

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Zwischen und vor dem Sturm waren unsere Robots 🤖 ein Hit!#weltkindertagsfest 2018 #KIT #Arbeitszukunft

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Unser Studi-Team beim Weltkindertagsfest in Karlsruhe trotzt dem Sturm! 🍃🌥️🌪️ #ArbeitsweltenDerZukunft

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Organisiert wurde das Ganze von den Teilnehmenden unserer Vertiefung „Medien- und Öffentlichkeitsarbeit“, die wir im Sommersemester durchgeführt haben. Das erste Team aus dem Seminar hatte zum Vorlesungsende schon eine Filmvorführung mit Infostand auf dem KIT-Campus durchgeführt, das zweite Team sich für den Weltkindertag entschieden. Herausgekommen ist eine Veranstaltung, bei der unsere Studis mit Kindern und Jugendlichen vor Ort kleine Papproboter bastelten und über das Wissenschaftsjahr informierten – und das, obwohl ein Spätsommersturm über das Gelände am Gottesauer Schloss zog. Unsere Arbeitszukunft-Roboter stießen bei den Kindern und ihren Eltern auf große Begeisterung; abgerundet wurde der Nachmittag dadurch, dass wir mit absoluter Präzision mit dem Abbau fertig wurden, bevor es zu regnen begann.

Alles in allem also ein absoluter Erfolg, den wir im nächsten Jahr gerne wiederholen möchten.

Interview: „Wir müssen in Zukunft massiv in Qualifizierung investieren“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Halle (Saale) erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Blog veröffentlichen. Das zweite unserer Hallenser Interviews führten wir mit Petra Bratzke, der Leiterin der Agentur für Arbeit in Halle (Saale). Frau Dr. Bratzke ist promovierte Volkswirtschaftlerin und war in den 1980er Jahren Dozentin an der Martin-Luther-Universität Halle. Kurz nach der Wende wurde sie Abteilungsleiterin im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), 2004 dann Chefin der Agentur für Arbeit in Dessau. Sie wechselte 2010 als Agenturleiterin nach Halle.

Frau Bratzke, wahrscheinlich ist es nicht in jeder Stadt der Bundesrepublik selbstverständlich, dass die Chefin der Agentur für Arbeit stadtweit bekannt ist und regelmäßig in Presseinterviews über die Arbeit ihrer Einrichtung und deren langfristige Ziele informiert. Was, denken Sie, unterscheidet Halle in dieser Hinsicht von anderen Großstädten? Und was sind die Gründe dafür, dass Halle und Region in der Nachwendezeit so hart von Arbeitslosigkeit getroffen wurden?

Die regionale Wirtschaft und der Arbeitsmarkt spielen vielleicht eine größere Rolle als in anderen Regionen. Dabei spielen die aktuellen Neuansiedlungen sowie die regionale Presselandschaft und das Wirtschaftswachstum eine Rolle. In der DDR-Vergangenheit hatten wir eine Monostruktur (große DDR-Kombinate) im Chemiedreieck mit eigenen Stadtgründungen wie Halle-Neustadt. Die Firmen waren mit ihren alten Anlagen auf dem westlichen Absatzmarkt nicht wettbewerbsfähig. Dabei kam erschwerend hinzu, dass die Ostmärkte weggebrochen sind.

Laut einer Statistik der Bundesanstalt für Arbeit erreichte die Arbeitslosigkeit im wiedervereinigten Deutschland ihren höchsten Stand 2005 mit 13 Prozent. In den neuen Bundesländern lag die Quote damals sogar bei 20,6 Prozent. Wie stellten sich die Arbeitsagenturen in den 1990er und 2000er Jahren dieser Herausforderung? Und was definiert aus Ihrer Perspektive ‚gute Arbeit‘ innerhalb der Agentur für Arbeit?

Der Rechtsrahmen der alten BRD wurde genutzt, um eine funktionierende Arbeitsverwaltung aufzubauen. Dabei lag der Schwerpunkt auf dem geförderten Arbeitsmarkt und der Schaffung von Sanierungsgesellschaften. Der Strukturwandel wurde dabei flankiert um z.B. ehemalige Industriebrachen zu entwickeln.

In den 1990er Jahren stand die Sicherung des Lebensunterhaltes im Vordergrund und es wurde zahlreiche Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt. Gute Arbeit bedeutet innerhalb unserer Agentur vor allem, Menschen und Arbeit zusammen zu führen.

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung waren Sie 34 Jahre alt. Wie sind Ihre Erinnerungen an das Verständnis von Arbeit im ‚realexistierenden Sozialismus‘ – und würden Sie sagen, dass Arbeit im wiedervereinten Deutschland einen anderen Stellenwert hat als in der DDR?

Im Sozialismus hatten wir das „Recht und die Pflicht zur Arbeit“. Arbeit hatte traditionell einen hohen Stellenwert. Man definierte sich über den Beruf. Heute ist jede Arbeit produktiv, die Profit erwirtschaftet. Zu DDR-Zeiten gab es nicht eine solche Einkommensspreizung.

Wie veränderten sich aus Ihrer Perspektive Halle und Umland in der Wende- und Nachwendezeit? Welche damaligen Maßnahmen stellten sich im Nachhinein als falsch heraus und hätten vermieden werden können – und wann und wo wurden entscheidende Weichen für die ab 2003 einsetzende wirtschaftliche Erholung gestellt?

Die schnelle Einführung der D-Mark und der damit einhergehende massive Strukturwandel führten zu einem Niedergang ganzer Industriezweige und parallel dazu erfolgte der Aufbau neuer Branchen langsamer als geplant. Dazu kamen die exorbitanten Umweltbelastungen, was zum Abschalten zahlreicher Anlagen führte.

Inzwischen hat sich das Umfeld zum Positiven verändert und Halle vor dem Verfall als Stadt bewahrt. Halle hat sich als Oberzentrum dabei in den letzten Jahren besonders gut entwickelt.

Inwiefern wirkt die Krise des Arbeitsmarktes in den 1990er Jahre weiterhin nach? Wie würden Sie den psychischen Eindruck beschreiben, den sie auf die Hallenser Bevölkerung hatte?

Wir haben bis heute einen „harten Kern“ an Langzeitarbeitslosen gerade im Bereich der Grundsicherung. Das heißt Menschen, die nie am Arbeitsmarkt angekommen sind. Dazu kam die starke Abwanderung in die alten Bundesländer. Darunter besonders gut qualifizierte Frauen. Somit also eine „doppelte demografische Falle“. Die Kinder wurden nicht hier geboren.

Gerade die Langzeitarbeitslosigkeit stellte lange Zeit ein großes Problem dar. Konnte dieses Problem mit arbeitspolitischen Maßnahmen gelöst werden – oder löste es sich mit der Zeit von selbst, da ältere Arbeitssuchende irgendwann in Rente gingen?

Langzeitarbeitslosigkeit ist immer noch ein Thema. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen konnten das Problem bisher nur flankieren. Wir müssen in Zukunft massiv in Qualifizierung investieren. Die Demografie sorgt jedoch für einen weiteren Rückgang der Zahlen.

Auch von Jugendarbeitslosigkeit war Halle lange Zeit betroffen. Was, denken Sie, sind die Gründe dafür? Und wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund den Trend bei Jugendlichen weg von der Ausbildung – hin zum Studium?

Jugendliche, die mobil und qualifiziert waren, sind abgewandert. Jugendliche fehlen für die neuen Arbeitsplätze in der Region.

Was den Trend von der Ausbildung zum Studium angeht: Inzwischen beraten zunehmend Eltern ihre Kinder in der Hinsicht, ein Studium aufzunehmen. Hier ist unsere Berufsorientierung noch mehr gefordert, um auch auf die sehr guten Chancen hinzuweisen, die betriebliche Ausbildungen bieten.

Welche Möglichkeiten haben bzw. testen Sie, um gerade jungen Menschen erfolgreich Arbeits- und Ausbildungsplätze zu vermitteln? Welche unterstützenden Maßnahmen würden Sie sich hierfür von der Politik wünschen?

Wir sind hier sehr aktiv mit unseren Berufsberatern an den Schulen unterwegs und bieten zusammen mit Firmen aus der Region für viele Branchen Elternabende an.

Weiterhin bieten wir einen berufsphysiologischen Service mit zahlreichen Testverfahren.

In einer McKinsey-Studie wurde 2017 die These aufgestellt, dass bis 2030 ein Drittel aller Jobs weltweit durch die Digitalisierung überflüssig werden. Wie bewerten Sie solche Befunde? Welche Auswirkungen wird die sich abzeichnende digitale Revolution auf Arbeitsmarkt und Gesellschaft haben? Wie wahrscheinlich ist aus Ihrer Perspektive die Schaffung neuer Jobs? Und wenn es aktuell vor allem Jobs im Dienstleistungssektor sind, die automatisiert werden: Auf welchen Gebieten und in welchen Branchen können neue Arbeitsplätze entstehen?

Unsere eigenen Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg gehen davon aus, dass die zunehmende Digitalisierung jedenfalls mit einer deutlichen Umgestaltung der Arbeitswelt einhergehen wird, in diesem Prozess werden Bildung und Weiterbildung der Beschäftigten eine zentrale Rolle übernehmen. Sie betonen, dass für die regionalen Auswirkungen einer zunehmenden Digitalisierung die Wirtschafts- und Berufsstruktur vor Ort entscheidend ist.

Bis zum Jahr 2035 wird die Digitalisierung nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung haben, aber große Umbrüche bei den Arbeitsplätzen mit sich bringen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor, in der das Szenario einer fortschreitenden Digitalisierung mit einem Basis-Szenario ohne Digitalisierungseffekte verglichen wird.

Eine persönliche Frage an Sie: Zu welcher beruflichen Laufbahn würden Sie jungen Menschen raten? Und welche Qualifikationen werden in Zukunft wichtiger, welche unwichtiger werden?

Durch die zukünftigen Veränderungen in einer digitalisierten Arbeitswelt wird es vor allem wichtig sein, sich schnell und problemorientiert die gewünschten oder erforderlichen Kompetenzen anzueignen (Fremdsprachen; Programmieren und Kommunikationsfähigkeit etc.). Dies wird bei uns aktuell unter dem Schlagwort „Lebenslanges Lernen“ in Gesprächen mit den Arbeitsmarktpartnern thematisiert. Hier ist zunehmend die Fähigkeit gefragt, agil auf Veränderungen zu reagieren und sich anpassen zu können.

Das Datum liegt zwar noch ein paar Jahrzehnte in der Zukunft, aber: Wie stellen Sie sich die Arbeit im Jahr 2050 vor?

Ich denke, es wird einen technikgetriebenen Arbeitsmarkt geben, wo Ort und Zeitpunkt der Arbeitsleistung wesentlich flexibler als heute gestaltet sein werden und eine hohe Mobilität von den Arbeitnehmern erfordert wird.