Interview: „Wir mussten lernen, dass wir uns der Rationalisierung nur schwer widersetzen können.“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Durlach erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten veröffentlichen. Das zweite Interview führten wir mit Hans Pfalzgraf, der für die SPD im Karlsruher Gemeinderat sowie im Durlacher Ortschaftsrat sitzt. Herr Pfalzgraf ist Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen​ der SPD Karlsruhe und war zudem mehrere Jahrzehnte lang Betriebsrat und Betriebsratsvorsitzender bei der Badischen Maschinenfabrik Durlach (BMD). Hier begann er als 14-Jähriger 1960 auch seine Ausbildung zum Maschinenschlosser.

Herr Pfalzgraf, Sie waren mehrere Jahrzehnte Maschinenschlosser und Betriebsrat bei der Badischen Maschinenfabrik Durlach (BMD), bis 2002 ein international operierendes Unternehmen. Wann haben Sie begonnen, bei der BMD zu arbeiten? Wie würden Sie das damalige Betriebsklima beschreiben?

Ich habe 1960 bei der BMD eine Lehre als Maschinenschlosser begonnen. Das Betriebsklima war gut, keine beruflichen Existenzsorgen zu jener Zeit, allerdings mussten wir jungen Lehrlinge uns einer damals gewissen Hierarchie beugen (strenger, erzieherischer Umgangston = „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“)

Das Thema unseres Projektes sind ja Zukunftsprognosen in früheren Jahrzehnten. Wie stellten Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen sich in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren die Zukunft der Arbeit vor? Was erhofften Sie sich von weitergehender Automatisierung und später Digitalisierung? Welche Risiken sahen Sie dabei als Arbeitsnehmer wie auch als Betriebsrat Ihres Unternehmens und Gewerkschafter?

In den 1960er Jahren und bis Mitte der 1970er Jahre blickten wir relativ sorglos und damit eigentlich auch etwas gedankenlos in die Zukunft. In jener Zeit galt die BMD als „sicheres“ Unternehmen. Erst mit Beginn verschiedener Besitzerwechsel Ende der 1970er Jahre und mit der Schließung der Gießerei-Abteilung machten sich ernsthafte Sorgen breit. Wir mussten lernen, dass wir uns der Rationalisierung nur schwer widersetzen können. Nur durch entsprechendes Mitwirken galt es zu erreichen, dass so wenig wie möglich Kolleginnen und Kollegen Rationalisierungsopfer wurden.

Wie erlebten Sie den Strukturwandel ab den 1970er Jahren? Durch die Rezession und die Digitalisierung begannen damals die Arbeitslosenzahlen zu steigen – war dies etwas, was sich im deutschen Südwesten stark bemerkbar machte? Wie erlebten Sie Ihre Zeit in den 1980er und 1990er Jahren bei der Badischen Maschinenfabrik? Wie sehr, würden Sie sagen, hat sich der Beruf des Maschinenschlossers über die Jahrzehnte verändert?

Wir erkannten, dass der Strukturwandel auch das vermeintlich sichere Unternehmen BMD eingeholt hat. Der Kampf um den Erhalt sozialer Errungenschaften begann, soziale Absicherung und Anpassung von Löhnen mussten hart erkämpft werden. Bei zunehmender Rationalisierung und stetig weitergehender Automatisierung gewann der Kampf um den reinen Erhalt des Arbeitsplatzes immer mehr an Bedeutung. Globalisierung, einhergehend mit Automatisierung, verlangten viele Opfer; die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen nahm drastisch zu.

Auch heute noch ist der Beruf des Maschinenschlossers sehr anspruchsvoll. Mit der technologischen Weiterentwicklung musste auch dieses Berufsbild angepasst werden, was nach wie vor diesen Beruf anspruchsvoll macht, weit über die normale Facharbeitertätigkeit hinaus.

Was waren für Sie die Gründe, sich gewerkschaftlich und politisch zu engagieren? Sehen Sie Unterschiede zwischen der Tätigkeit eines Betriebsrats in den 1970er und 1980er Jahren und der Gegenwart?

Schon seit frühester Jugend wuchs in mir die Einstellung, dass sich jeder Mensch im Rahmen seiner bestehenden Möglichkeiten in diese Gesellschaft einbringen sollte. Meine persönliche Grundeinstellung bezüglich eines solidarischen Miteinanders mündete im Engagement als Betriebsrat im gewerkschaftlichen Handeln einerseits, und als Kommunalpolitiker im Interesse des Allgemeinwohls politisch zu gestalten andererseits.

Die Anforderungen an die Betriebsräte haben sich insofern geändert, dass nicht nur betriebsinterne Probleme zu behandeln sind, sondern dass das betriebliche Geschehen durch die Globalisierung auf einen weltweiten Aktionsradius erweitert wurde.

Als Stadtrat und Ortschaftsrat für Karlsruhe und Durlach: Was, denken Sie, sind die Herausforderungen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf die Gesellschaft zukommen werden, gerade, wenn es um Themen wie die Digitalisierung geht? Stehen die jüngere und die ältere Generation in Deutschland vor unterschiedlichen Herausforderungen?

Zunächst gilt es, das Vorhandene zu bewahren, Neues offen anzugehen und im Interesse des Allgemeinwohls zu bewerten und dann gegebenenfalls umzusetzen. Digitalisierung muss mit den Menschen gemeinsam umgesetzt werden; sie muss dem Menschen dienen. Sie muss dabei helfen, Abläufe nicht nur im wirtschaftlichen Bereich zu vereinfachen, sondern insgesamt die Strukturen unseres gesellschaftlichen Beisammenseins und Miteinanders zu vereinfachen. Wenn es gelingt, alt Bewährtes zu bewahren, und Neues im Sinne eines guten Miteinanders für die Zukunft zu entwickeln, wird es keinen Widerspruch zwischen Jung und Alt geben.

Wie stellen Sie sich persönlich den Stadtteil Durlach im Juni des Jahres 2038 vor? Eher fliegende Autos und bedingungsloses Grundeinkommen – eher Klimawandel und soziale Konflikte?

Im Widerstreit zwischen Ökonomie und Ökologie und sozialer Gerechtigkeit und aufgrund der derzeitigen Dominanz wirtschaftlicher Interessen befürchte ich eher Probleme in Sachen Klimawandel und sozialer Konflikte, als fliegende Autos und bedingungsloses Grundeinkommen.

Genau diesen Gegensatz gilt es anzugehen und ihn mit einem fairen Umgang untereinander zu überwinden. Wenn dies gelingt, müssen wir um unsere Zukunft keine Sorgen machen.

Weblinks:

Hans Pfalzgraf auf der Webseite der SPD-Fraktion im Karlsruher Gemeinderat

About the author: Andie Rothenhäusler