Gastbeitrag: „Arbeit der Zukunft – Gedanken von Jean Pütz“

Das Gesicht von Jean Pütz dürfte jenes sein, welches viele Deutsche vor Augen haben, wenn sie an Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus denken. 1936 geboren, wurde Pütz ab den 1970er Jahren mit Fernsehsendungen des WDR wie der „Hobbythek“ und der „Wissenschaftsshow“ bekannt und beliebt. Der Satz „Ich hab‘ da mal was vorbereitet…“ ist durch ihn zu einer festen Redewendung im deutschen Fernsehen geworden. Nebenher war Jean Pütz auch Gründungsmitglied der Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK) und ist weiterhin als Moderator und Autor aktiv. Der folgende Text wurde von Jean Pütz Anfang Mai 2018 zum Thema des Wissenschaftsjahres in seinem Blog veröffentlicht und er erteilte uns freundlicherweise die Erlaubnis, ihn als Gastbeitrag zu publizieren.

„Ich bin kein Prophet, aber öfters habe ich Entwicklungen vorausgesehen, die sich dann in meinen Fernseh-Sendungen widerspiegelten. Nur als Beispiel: Meine ‚Einführung in die Digitaltechnik‘ lief mit 13 Folgen 1973. Damals konnte ich sogar den Verein Deutscher Ingenieure (VDI) dazu gewinnen, Vier-Wochen-Begleit-Seminare dazu zu veranstalten. Da mein Begleit-Buch: ‚Einführung in die Digitaltechnik‘ immerhin über 200 000 mal verkauft und einer der wenigen Bestseller des VDI-Verlags wurde, bin ich sicher, dass das bleibenden Eindruck hinterlassen und auch dem Handwerker die Möglichkeiten der Digitaltechnik bereits 20 Jahre vor deren raumgreifender Entwicklung vermittelt hat.

Später – 1978 – in der Sendung ‚Intelligenz en Miniatur – Mikroprozessoren revolutionieren die Technik‘, die im 1. Programm der ARD ausgestrahlt wurde, präsentierte ich am Anfang in einem menschenleeren Studio 20 Maschinen. Diese liefen einfach so vor sich hin und die Kamera erfasste nach und nach jede einzelne Maschine. Nur in einer Ecke auf einem mit Mikroprozessoren bestückten Radtrainer (Dynavit) begegnete die Kamera dem ersten Menschen. Das war ich, aber erst nach vier Minuten, und begann mit meiner Moderation. Das war die Vorwegnahme Industrie 4.0. Dass auch Juroren manchmal klug sein können, wurde mir bewusst, als ich auf diese Sendung hin ein Jahr später den damals hoch dotierten Wissenschaftsjournalistenpreis für Fernsehsendungen, den Batelle-Preis, erhielt.

Auch die Satelliten-Kommunikation, Glasfasertechnik usw. habe ich vorweggenommen und sogar versucht, über BTX eine Art persönliches Internet mit den Fernsehgeräten meiner Zuschauer zu schaffen, was allerdings in die Hose ging.
Das postfaktische Zeitalter vorwegnehmend – und daran warst Du ja auch selbst beteiligt – haben wir die Wissenschaftspressekonferenz gegründet. Damals bat ich die GMD, an der Du tätig warst, eine Plattform zu schaffen, die nicht nur Pressekonferenzen, sondern auch glaubhafte Nachrichten verbreitet werden konnten. Dabei wollte ich die WPK federführend beteiligen. Diese Idee hat sich bei mir so eingefressen, dass ich mit dem aufkommenden Internet eine eigene Plattform schuf, in der es mir seit Jahren gelungen ist, mittlerweile über 45.000 glaubhafte wissenschaftliche Berichte (zum Teil mit der Science Community abgestimmt) zu veröffentlichen.

Anfangs erschien mir das alles als Utopie, aber sie hat sich realisiert. Ich nenne das einmal konkrete Utopie. Wichtige Aspekt, die ich immer eng mit einbezogen habe, waren soziologische und didaktische Elemente. Wie Du weißt, habe ich ja auch ein Soziologie-Studium in Köln abgeschlossen, einzig aus dem Grund, technische mit politischen und soziologischen Aspekten zu vereinen. Es ging mir seinerzeit vor allen Dingen um empirische Soziologie, die René König, Alphons Silbermann und Erwin Scheuch an der Uni Köln vertraten, d. h. die sogenannte Verhaltenssoziologie, die im krassen Gegensatz zur ‚Frankfurter Schule‘ mit ihrer kritischen Theorie stand. Das waren ja eher Philosophen, die wunderbare Konstrukte als Werte postulierten. Nur, als einziger Störfaktor erschien mir der Mensch.

Damals kam ich zur Überzeugung, dass Psychologie Kaffeesatz-Leserei ist, während soziologisches Verhalten sich durchaus in gesetzmäßigen, bzw. Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit, vergleichen lässt. Ich vergleiche das immer mit der Thermodynamik, die das chaotische Verhalten des einzelnen Moleküls nicht vorhersagen kann, aber die Gesamtenergie aller Moleküle im Raum einfach durch ein Thermometer in Graden exakt beschreiben lässt. Eben deshalb, weil eine große Anzahl, d. h. ein großes Sample, auf die Soziologie bezogen solche Rückschlüsse erlaubt.

Darum sollte man ganz vorsichtig sein mit Utopien, die das menschliche Verhalten nicht an vorderster Stelle mit einbeziehen. Das gilt meines Erachtens auch bezüglich des Grundeinkommens. Ein bedingungsloses wäre der größte Fehler, den man machen kann. Hinzu kommt, dass der Mensch, der keine formale Beschäftigung hat, scheitert, nach dem Sprichwort: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Er verliert in der Regel sein Selbstbewusstsein und resigniert auch im privaten Raum. Als Beispiel will ich viele Probanden nennen, die in Rente gehen. Der Traum, sich auf die faule Haut legen zu können, ist fortan mit einem Todesurteil verbunden.

Ich bin übrigens fest davon überzeugt – wie das Geschichte lehrt – dass selbst dann, wenn die Industrie 4.0 Raum greift, soviel Arbeitsflächen entstehen, dass jeder, der guten Willens ist, auch eine nützliche Beschäftigung findet. Wobei ich schon immer moniere, dass der Akademiker-Bereich völlig überschätzt wird, währen Menschen, die Hand anlegen, also Handwerker und solche, die Dinge im wahren Sinne begreifen, völlig unterschätzt werden.

Ein erstes Anzeichen dafür ist der bereits heute bestehende Fachleutemangel. Der bedroht auf die Dauer unsere gesamte Wirtschaft. Hier müsste auch etwas am gesellschaftlichen Bewertungs-System getan werden, damit das ‚Duale System‘ inkl. Berufsschulsektor aufgewertet wird. Also, algorithmisches Denken darf nicht nur an Höheren Schulen gelehrt werden, sondern muss auch im berufsbegleitenden Schulen Einzug finden.“

(Fotografie: Philipp Schrögel)

Arbeit der Zukunft – Gedanken von Jean Pütz, 03.05.2018

Philipp Schrögel: Wissen als demokratisches Prinzip. Interview mit Jean Pütz, in:  Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis Jg. 26 3/2017, S. 70-73. 

 

About the author: Andie Rothenhäusler