Interview: „Bestimmte Arbeitsplätze wird es in Zukunft nicht mehr geben“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Durlach erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten veröffentlichen. Unser drittes Interview in der Reihe führten wir mit Alexandra Ries, der Stadtdirektorin des Karlsruher Stadtteils Durlach, welche dieses Amt seit 2004 innehat. Frau Ries war vor ihrer Wahl als Juristin für den Zentralen Juristischen Dienst der Stadt Karlsruhe tätig, Schwerpunkte ihrer Arbeit waren bereits Ende der 1990er Jahre medien- und telekommunikationsrechtliche Fragen beim Übergang in das Internetzeitalter. Bis 2017 war sie nebenberuflich als Gründungsgeschäftsführerin und dann als juristische Beraterin der städtischen TelemaxX Telekommunikation GmbH tätig, zudem ist sie seit 20 Jahren Dozentin der IHK Karlsruhe zu medien- und datenschutzrechtlichen Themen.

Frau Ries, welche Chancen sehen Sie als Stadtdirektorin mit Umbildungsprozessen verbunden, gerade wenn es um Digitalisierung und neue Technologien geht – und welche Risiken?

Vor einigen Jahren war es die Globalisierung, die Chance und Fluch in einem war. Heute wird Ähnliches mit dem Begriff Digitalisierung verbunden. Die Digitalisierung bietet uns dann neue Chancen, wenn wir sie intelligent zum Nutzen der Menschen und nicht nur ihrer selbst willen einsetzen. Wenn wir unsere traditionellen Netzwerke mit neuen, digitalen Technologien verknüpfen und so zum Nutzen der Bürgerinnen und Bürger einsetzen, können wir die Lebensqualität in vielen Bereichen erhöhen.

Wir haben, nur um einige Beispiele zu nennen, die Chance, neue, intelligente Verkehrssteuerungssysteme auf unseren Straßen einzusetzen oder moderne Verkehrskonzepte zum Wohle aller zu entwickeln. Neue Technologien können auch den öffentlichen Personennahverkehr verbessern und ihn dorthin führen, wo es bisher keinen gab, wie „Bus on demand“-Systeme zeigen werden.

Digitalisierung und neue Technologien können Leben retten, wie uns Anwendungen aus dem Gesundheitswesen zeigen. Nicht vergessen dürfen wir, dass die Digitalisierung einem weniger mobilen Menschen die Möglichkeit gibt, viele seiner Angelegenheiten selbst von zuhause aus zu erledigen. Was die Arbeitswelt anbelangt, schaffen Digitalisierung und neue Technologien insbesondere die Möglichkeit von flexibleren Arbeitszeitmodellen und Homeoffice-Arbeitsplätzen. Für sehr viele Menschen – gerade Frauen – hat dies erst die Chance auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf eröffnet.

Aber dieser Bereich zeigt auch die Risiken deutlich auf. Bestimmte Arbeitsplätze wird es in Zukunft nicht mehr geben, die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird steigen und eine sogenannte Verdichtung der Arbeit ist zu befürchten. Auch für Bürgerinnen und Bürger bestehen Risiken, wenn sie den Herausforderungen, die mit dem Übergang auf Onlinedienste verbunden sind, nicht gewachsen sind. Gerade für die Politik wird es die Aufgabe sein, im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeit, auf diejenigen zu achten, denen die Veränderungen nicht so leicht fallen.

Umso wichtiger wird es sein:

  • Die Medienkompetenz aller zu stärken. Insbesondere die der Kinder und Jugendlichen, um sie auf die Zukunft vorzubereiten.
  • Lebenslanges Lernen nicht nur zu fordern, sondern als Kommune auch Orte vorzuhalten und Angebote zu fördern, die diese Möglichkeiten anbieten.

Die wissenschaftliche und technische Entwicklung scheint sich immer weiter zu beschleunigen. Was denken Sie, ist die Rolle der Kommune und der (Kommunal-)Politik in gegenwärtigen Modernisierungsprozessen: Eher die des Vorantreibens oder die des Bremsens?

Der Stellenwert der Kommune wird wachsen. Ob und wie ein Zusammenleben gelingt, entscheidet sich in erster Linie in der Kommune, in der gelebten Nachbarschaft von Bürgerinnen und Bürgern. Auf Bundesebene geht es eher darum, eine Politik zu betreiben, die für die Herstellung gleicher Lebensbedingungen im gesamten Land steht.

Bei uns geht es um die Gestaltung der Lebensbedingungen vor Ort. Gesellschaftliche Herausforderungen werden dort gelöst. Eine Herausforderung wird sein, als Kommune ein attraktiver Wohn-, Bildungs- und Arbeitsort zu sein. Persönlich finde ich es immer besser, Veränderungsprozesse im Rahmen der eigenen Möglichkeiten selbst aktiv mitzugestalten als versuchen, sie zu verhindern. Das funktioniert meist eh nicht.

Wie bewerten Sie persönlich die Berufsaussichten von jungen Menschen, die gerade die Schule verlassen? Zu welchem Studien- oder Ausbildungsfach würden Sie persönlich jungen Menschen raten?

Ich bewerte die Berufsaussichten von jungen Menschen als derzeit sehr gut: Selten waren die Möglichkeiten für qualifizierte Schulabgänger so breit gefächert. Jungen Menschen würde ich bei ihrer Studien- und Ausbildungswahl raten, nicht auf Vordergründiges zu achten, sondern sich zu überlegen, was sie glauben, gerne und gut tun zu wollen und zu können. Heute haben viele junge Menschen zum Glück die Möglichkeit, ihren Beruf entsprechend ihrem Talent und ihren Fähigkeiten auszuwählen. Das sollten sie nutzen, denn eines ist klar: Wenn ich für das „brenne“, was ich tue, dann erziele ich bessere Ergebnisse und bin zufriedener.

Wie stellen Sie sich persönlich den Stadtteil Durlach im Jahr 2038 vor? Wenn Sie selbst eine positive Zukunftsvision der Ergebnisse Ihrer Amtszeit beschreiben würden: Wie sähe diese aus?

In Durlach würde ich gerne viel von dem bewahrt sehen, was wir heute haben. Jetzt könnte man sagen, dann muss man ja einfach nichts tun, aber das stimmt nicht. Nichtstun bedeutet letztlich immer Rückschritt und Verschlechterung.

Ich würde Durlach im Jahre 2038 gerne sehen als

  • eine aktive und selbstbewusste Kommune, in der Bürgerinnen und Bürger, Vereine und Unternehmerschaft aktiv und in Kooperation ihr Zusammenleben gestalten;
  • eine generationengerechte Kommune;
  • eine solidarische und sozial sorgende Kommune;
  • eine welt- und europaoffene Kommune.

Um das zu erreichen, sollten wir in eine moderne, familien- und seniorengerechte Infrastruktur investieren und ein aktives gesellschaftliches Miteinander fördern.

Beispiele hierfür sind:

  • der Ausbau von Kitaplätzen;
  • eine Schullandschaft mit gut ausgestatteten Schulen aller Schulformen;
  • sonstige Bildungseinrichtungen wie etwa Volkshochschulen, Bibliotheken, Museen und Jugendkunstschulen;
  • Orte der Begegnung schaffen und erhalten, die modern ausgestattet sind und doch den persönlichen Austausch ermöglichen;
  • eine Seniorenpolitik, die gute Angebote im Spannungsfeld zwischen aktivem Altern und Pflege schafft.

Weblinks:

Alexandra Ries auf der Webseite der Stadt Karlsruhe

About the author: Andie Rothenhäusler