Interview: „Den Mitarbeiter als individuell und wertvoll zu betrachten, statt als ersetzbare Ressource“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Dortmund erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen in unserem Blog veröffentlichen. Das dritte unserer Dortmunder Interviews führten wir mit dem Techniksoziologen Marco Hellmann, der an der TU Dortmund zu Technikakzeptanz und Mensch-Maschine-Interaktionen forscht. Herr Hellmann hat Abschlüsse in mehreren Disziplinen, nämlich einen Master of Arts in Sozialwissenschaftlicher Innovationsforschung sowie einen Bachelor of Science in Angewandter Kognitions- und Medienwissenschaft. Aktuell arbeitet er unter anderem im Forschungsprojekt TraDiLog mit, welches sich mit dem Wandel der Arbeit durch Digitalisierung und Vernetzung von Verkehr und Logistik beschäftigt.

Herr Hellmann, Sie waren bei unserer Veranstaltung in Dortmund quasi der „Vertreter der Zukunft“ im Panel, da Sie sich im Fachgebiet Techniksoziologie auch damit beschäftigen, wie sich zukünftige technische Innovationen auf die Gesellschaft auswirken könnten. Können Sie kurz und allgemeinverständlich beschreiben, was ein Techniksoziologe so macht und welche Themen und Fragen in Ihrem Fach von besonderem Interesse sind?

Die Techniksoziologie beschäftigt sich ganz allgemein mit dem Zusammenspiel von Mensch und Technik in allen denkbaren Bereichen, vom alltäglichen Umgang mit smarten Assistenten, der Veränderung von Arbeit durch Technik und der Arbeit in komplexen Umgebungen, über autonomes Fahren bis hin zu Fragen der Verkehrs- und Energiewende. Die technische Entwicklung wird dabei als ergebnisoffen betrachtet, die sich auf die Gesellschaft auswirkt, aber ebenso durch gesellschaftliche Einflüsse gesteuert werden kann.

Ein Großteil unserer Arbeit besteht in der Durchführung von Experteninterviews sowie breiten Befragungen zum Nutzungsverhalten und Einstellungen gegenüber spezifischer Technik. An der TU Dortmund arbeiten wir dazu in einem interdisziplinären Team aus Wirtschaftswissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern und Soziologen, Psychologen und Informatikern. Ziel ist es stets, Handlungsempfehlungen für Unternehmen, Verbände und Politik zu geben, indem Chancen und Risiken von sich wandelnden Lebensbereichen systematisch analysiert werden.

Auf der individuellen Ebene steht dabei besonders das „Mithandeln“ von smarter Technik im Fokus. Hier stellt sich etwa die Frage, welche Kompetenzen, aber auch welche Verantwortungen an die Technik abgegeben werden, wenn diese dem Menschen zunehmend Entscheidungen abnimmt. Ebenso stellt sich die Frage, welche Kompetenzen neu dazugewonnen werden müssen. Dies ist bei der Diskussion um die Arbeit der Zukunft und die Beschäftigungsfähigkeit von Menschen ein besonders wichtiges Thema.

Permanentes Thema im aktuellen Wissenschaftsjahr ist ja, wie sich die Arbeitswelten in Zukunft verändern werden. Auf welchen Gebieten sehen Sie als Techniksoziologe die größten Transformationen auf uns zukommen – Digitalisierung, Automatisierung, Roboter, KI, Big Data? Und wie kann/wird sich dies auf Gesellschaft und Arbeitsmarkt auswirken?

Die heute befürchtete Umwälzung des Arbeitsmarktes entsteht vor allem durch das Zusammenspiel der aktuellen technischen Entwicklungen, von zunehmender Digitalisierung bis hin zur künstlichen Intelligenz. Zudem greifen die einzelnen Technologien ineinander. So erlaubt erst die Digitalisierung das Sammeln großer Datenmengen, die wiederum für das Trainieren von Algorithmen genutzt werden können, um Software oder etwa Robotern künstliche Intelligenz zu verleihen.

Derzeitig werden drei zentrale Effekte für den Arbeitsmarkt erwartet:

  • Erstens wird davon ausgegangen, dass ein Teil der heutigen Arbeitsplätze in Zukunft nicht mehr existieren wird. Dabei ist jedoch viel weniger eindeutig, welche das sein werden. Automatisierung und der zunehmende Einsatz von Robotern zielen in erster Linie auf die Substitution von menschlicher Arbeit mit einfachen, repetitiven Aufgaben und eher geringeren Qualifikationsanforderungen ab. Intelligente Software kann aber heute schon auch Aufgaben auf mittleren bis hohen Qualifikationsniveaus übernehmen: Zeitungsartikel schreiben, Schüler unterrichten, Steuerung von Arbeitsabläufen, Programmieren, medizinische Diagnosen oder Investitionsentscheidungen. Selbst kreative Aufgaben können von künstlicher Intelligenz teilweise übernommen werden, wie das Komponieren von Musik.
  • Zweitens wird sich die Tätigkeit an vielen Arbeitsplätzen verändern. Roboter ersetzen Menschen und werden zu Arbeitskollegen. Arbeit wird damit maschinengerechter und durch technische Vorgaben bestimmt. Menschen müssen lernen, mit der Technik effizient umzugehen. Arbeit wird aber auch zeitlich flexibler. Wann und wo ich arbeite, ist durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung nicht mehr so bedeutsam wie früher. Crowdworking stellt hier die radikalste Vision der Entgrenzung von Arbeit dar, in der Menschen als Freelancer und ohne betriebliche Zugehörigkeit zergliederte Einzelaufgaben übernehmen. Durch den Trend zur Sharing Economy kann ich mein Haus oder mein Auto zu meinen eigenen Betriebsmitteln machen.
  • Drittens entstehen neue Arbeitsplätze. Die zunehmende Technik verlangt nach Experten, die Technik warten und weiterentwickeln. Auch kann Technik dazu genutzt werden, ältere Arbeitsnehmer zu unterstützen oder „einfache“ Arbeitsplätze wieder wirtschaftlicher zu machen.

Welche Anforderungen hat die Wirtschaft aktuell und in der Zukunft an Arbeitnehmer*innen? Auf was für Arbeitsverhältnisse müssen diese sich gefasst machen?

Arbeitnehmer sind heute schon stärker für ihre eigene Entwicklung und ihre Arbeitsfähigkeit verantwortlich, als dies früher der Fall war. Lebenslanges Lernen ist seit Jahren in der Diskussion und heute relevanter denn je. Flexibilität wird nicht nur im zeitlichen und geographischen Sinn zunehmen, sondern auch in Form einer Bereitschaft neue Tätigkeiten in unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen auszuüben. In Zukunft wird nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch die Tätigkeit an diesem selbst häufiger gewechselt. Einen Beruf für das gesamte Arbeitsleben zu erlernen wird nicht mehr möglich sein. Die Fähigkeit, sich in dynamisch verändernden Umwelten zurechtzufinden, die eigenen Potenziale zu erkennen und sich selbst als Arbeitskraft zu managen, werden an Bedeutung gewinnen. Die Sicherheit der betrieblichen Bindung wird hingegen abnehmen.

Welche Chancen ergeben sich aus Ihrer Perspektive durch Zukunftstechnologien wie Digitalisierung und Automatisierung? Mit welchen Risiken müssen wir umgehen?

Welche Konsequenzen diese Entwicklungen für den Arbeitsmarkt haben könnten, kann aus heutiger Perspektive nur abgeschätzt werden. Am häufigsten werden in der Arbeitswissenschaft das Szenario der Aufwertung und das Szenario der Polarisierung von Arbeit diskutiert.

Das Qualifizierungsszenario geht davon aus, dass niedrigere Qualifikationen aufgrund des Einsatzes von Technik nicht mehr benötigt werden. Damit fällt ggf. auch ungesunde Arbeit wie übermäßig körperliche Tätigkeiten oder die Arbeit in ungesunden Umgebungen weg. Die bisher einfachen Tätigkeiten werden dabei zum Teil aufgewertet, da sie sich auf die Überwachung und Kontrolle der technischen Geräte bezieht. Hier kann etwa an den Einsatz von Robotern in der Pflege gedacht werden. Nicht alle geringqualifizierten Arbeitskräfte können dabei weiterqualifiziert werden.

Als besonders risikoreich kann das Polarisierungsszenario betrachtet werden. Hier wird davon ausgegangen, dass Tätigkeiten mit eher mittleren Qualifikationsanforderungen wegfallen. Übrig blieben „Lousy and Lovely Jobs“. Am oberen Ende befänden sich diejenigen Berufe, die den Einsatz von Technik steuern. Auf der unteren Ebene werden nur noch da menschliche Arbeitskräfte eingesetzt, wo die Technik nicht flexibel genug oder zu teuer ist. Diese Berufe sehen sich dann einem digitalen Taylorismus ausgesetzt, in dem sie zum Erfüllungsgehilfen der Technik degradiert werden.

Ein Technisierungsansatz, der auf die Ergänzung menschlicher Arbeit durch Technik setzt, kann erst die Chancen der Digitalisierung nutzen. Einen sozialverträglichen Weg zu finden ist dabei Aufgabe von Unternehmen, Mitbestimmungsorganen und Gewerkschaften sowie der Politik.

Das vieldiskutierte und auch kontroverse Frey/Osbourne-Papier von 2013 kam zu dem Schluss, dass fast die Hälfte aller derzeitigen Arbeitsplätze durch die Digitalisierung verloren gehen könnte. Eine McKinsey-Studie aus dem letzten Jahr spricht zurückhaltender davon, dass ein Drittel aller Jobs weltweit bis 2030 obsolet werden könnte. Welche Auswirkungen könnte es für unsere Gesellschaft haben, wenn ein Drittel aller Arbeitnehmer*innen umschulen muss? Und gibt es neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Modelle, um mit der anstehenden Transformation umzugehen, die Sie und Ihre Kolleg*innen diskutieren – Stichwort Arbeitszeitverkürzung, bedingungsloses Grundeinkommen, job guarantee?

Zunächst muss man sagen, dass diese Studien vorsichtig zu interpretieren sind. Frey und Osborn beschreiben die potenzielle, technische Substituierbarkeit einzelner Tätigkeiten, von der nicht auf den Wegfall von ganzen Arbeitsplätzen geschlossen werden kann. Arbeitsplätze werden sich durch den technischen Wandel verändern, neue Arbeitsplätze werden entstehen. Das, was sich aktuell abzeichnet und in Zukunft verstärken wird, ist nicht ein Mangel an Arbeitsplätzen, sondern ein Mismatch zwischen verfügbaren Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt und dem Bedarf an qualifizierten Fachkräften.

Von allen Arbeitnehmern ist daher eine stetige Anpassung an den technischen Wandel gefordert. Weiterbildungsmaßnahmen bilden hier die erste Anlaufstelle. Jemanden in seinem Job weiterzuentwickeln ist dabei einfacher, als jemanden an einen ganz neuen Arbeitsplatz heranzuführen. Natürlich sind nicht alle Personen in der Lage, diesen Wandel mitzugehen. Diesen Teil gilt es jedoch sehr gering zu halten. Ob diese dann durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine job guarantee oder vielleicht sogar durch eine Kombination mehrere Ansätze aufgefangen werden, ist letztlich zweitranging. In jedem Fall gilt es, eine Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern der Digitalisierung zu vermeiden.

Wie stellen Sie persönlich sich die Arbeit in Dortmund im Jahr 2050 vor? Wenn es so etwas wie eine ToDo-Liste an wünschenswerten Entwicklungen gäbe: Wo bestände aus Ihrer Perspektive am ehesten Bedarf und wie könnte der ideale Arbeitsplatz der Zukunft aussehen?

Mein persönlicher Wunscharbeitsplatz ist durch selbstbestimmtes und teamorientiertes, flexibles sowie vor allem lernorientiertes Arbeiten geprägt. Letzteres ist für mich persönlich sehr wichtig. In der Wissenschaft ist dies auch im Wesentlichen bereits der Fall. Besonders bei uns in der Techniksoziologie, da wir durch die Interdisziplinarität des Teams, aber auch des Forschungsgegenstandes, uns laufend weiterentwickeln können. Für den gesamten deutschen Arbeitsmarkt und besonders für das Ruhrgebiet sehe ich für diese Form des Arbeitens aber noch Entwicklungsbedarf. Selbstverständlich kann nicht in allen Branchen und nicht auf allen beruflichen Ebenen so gearbeitet werden, dennoch wird noch nicht in allen Unternehmen das Potenzial der Mitarbeiter ausreichend genutzt. So wird etwa das Potenzial älterer Arbeitnehmer immer noch zu wenig erkannt. Arbeiten im Team ist häufig stärker von Konkurrenz geprägt als von einem gemeinsamen Ziel. Kreatives Arbeiten und das Schaffen innovativer Lösungen kommt im traditionellen Denken zu kurz.

Ich würde mir für den deutschen Arbeitsmarkt daher wünschen, dass ein neues Denken über die eigenen Mitarbeiter, die Arbeitsorganisation und Qualifizierungsmaßnahmen Einzug hält: Den Mitarbeiter als individuell und wertvoll zu betrachten, statt als ersetzbare Ressource. Denn das Paradoxe an der zunehmenden Digitalisierung und Technisierung ist, dass die Bedeutung des Menschen in den entstehenden komplexen Umwelten zu- statt abnimmt. Letztlich bleiben Unternehmen also nur wettbewerbsfähig, wenn sie in der Lage sind, Mensch und Technik zusammenzubringen.

Weblinks:

Marco Hellmann auf den Seiten der TU Dortmund

About the author: Andie Rothenhäusler