Interview: „Die Arbeit muss sich an den Menschen anpassen und nicht die Menschen an die Arbeit.“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Halle (Saale) erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Blog veröffentlichen. Das erste unserer Hallenser Interviews führten wir mit Karamba Diaby, dem Bundestagsabgeordneten für den Bundestagswahlkreis Halle. Herr Dr. Diaby war von 2009 bis 2015 Stadtrat in Halle und zog 2013 erstmals für die SPD in den Bundestag ein. Er ist Mitglied im erweiterten Fraktionsvorstand der SPD-Bundestagfraktion sowie ihr Integrationsbeauftragter und war im Bereich Migration und Integration auch an den Koalitionsverhandlungen nach der letzten Bundestagswahl beteiligt. Herr Diaby ist zudem Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages.

Herr Diaby, da wohl nicht alle Leser*innen wissen, worum es sich bei Technikfolgenabschätzung handelt und wie diese betrieben wird: Können Sie uns in der größtmöglichen Kürze beschreiben, welche Arbeit Sie und andere Bundestagsabgeordnete im Ausschuss für Technikfolgenabschätzung machen? Weswegen ist Technikfolgenabschätzung wichtig – für die Politik, für die Wissenschaft, für die Gesellschaft? Und was erhoffen sich Politik und gesellschaftliche Gruppen von Technikfolgenabschätzung?

Eine Besonderheit unserer Ausschussarbeit ist die Kooperation mit dem Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB). Betrieben wird das Büro vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Dieses berät den Bundestag bei forschungs- und technologiepolitischen Fragen und liefert Analysen und Gutachten.

Ein Beispiel, womit sich das Büro beschäftigt: Wir wissen heute zum Beispiel, dass wir allein in Sachsen-Anhalt über 40.000 Pflegefachkräfte brauchen. Vor diesem Hintergrund forscht das Büro für Technikfolgenabschätzung zur Servicerobotik. Für Aufgaben in der Altenpflege befinden sich Prototypen in der Entwicklung und vereinzelt auch bereits im Einsatz.

Dass sich robotische Pflegeanwendungen noch nicht durchgesetzt haben, liegt auch daran, dass Menschen von Menschen gepflegt werden wollen. Ich denke auch, dass die Fürsorge, die ein Patient braucht, nur ein Mensch aufbringen kann. Dennoch müssen wir überlegen, ob es assistierende Techniken für die Pflegefachkraft geben sollte.

Welche wissenschaftlichen und technischen Veränderungen in der Arbeitswelt stehen aktuell zur Debatte? Wie könnte der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen? Was sind die großen Themen, die Sie im Ausschuss Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung umtreiben?

Wir haben viele Themen: Es geht um die Zukunft der Berufsbildung, es geht um die Zukunft der Arbeit. Es geht auch um die Digitalisierung und um Künstliche Intelligenz – wir haben dazu vor kurzem eine Enquete-Kommission geschaffen.

Welche Gefahren sehen Sie persönlich in der aktuellen Entwicklung der Arbeitswelten – gerade, wenn es um Digitalisierung und neue Technologien geht? Welche Chancen ergeben sich durch neue Innovationen und Weiterentwicklungen? Und wie wird sich der Arbeitsmarkt angesichts der weitergehenden Automatisierung, Digitalisierung und Algorithmisierung entwickeln?

Ich sehe konkret die Gefahr, dass die Menschen, die in produktionsnahen Bereichen und teilweise in der Dienstleistungsbranche arbeiten, ihre Jobs verlieren. Die Politik hat deshalb die Aufgabe die Digitalisierung sozialverträglich zu gestalten. Das heißt: Wir müssen darüber nachdenken, was wir mit den Menschen machen, die erstmal keine Arbeit finden können. Qualifizierungen und Weiterbildungen sind hier natürlich wichtig. Der Staat muss hier massiv investieren.

Darüber hinaus wird die Bevölkerung schrumpfen. Wir müssen heute schon überlegen, wie wir es schaffen, dass das Arbeitskräftepotenzial nicht schrumpft. Deshalb setzen wir uns als SPD bereits heute für ein Einwanderungsgesetz ein, das regeln soll, wer zu uns kommt. Und wir müssen auch langfristig überlegen, ob die 40-Stunden-Woche das richtige Format ist. Eine Reduktion der gesetzlichen Wochenarbeitszeit könnte sinnvoll sein, wenn in Zukunft immer mehr Arbeitsprozesse digitalisiert werden.

Wir müssen zudem darüber nachdenken, dass die Betriebsräte mehr Mitbestimmung erhalten, wenn es um die Digitalisierung eines Unternehmens geht. Heute kann ein Betriebsrat nicht mitentscheiden, ob er – bisschen plakativ gesagt – einen Roboter als Kollegen bekommt oder einen Menschen.

Ihre eigene Partei, die SPD, wurde in den letzten 10 Jahren auf Bundesebene für die Agenda 2010 abgestraft; parteiintern wird aktuell wieder diskutiert, ob sich Sozialdemokraten von den umstrittensten Maßnahmen wie etwa den Hartz-Reformen abwenden sollen. Auf welchem Pfad sehen Sie die SPD, was die Arbeitspolitik angeht? Welche Ziele will die Sozialdemokratie innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte in diesem Feld verwirklichen?

Die SPD hat in der Vergangenheit Fehler gemacht. Wir haben zum Beispiel am Anfang der Hartz-Gesetze nicht einen Mindestlohn eingeführt. Das hat dazu geführt, dass die Löhne niedrig blieben. Wichtig ist, dass wir jetzt durch einen Sozialen Arbeitsmarkt und das Teilhabe-Chancen-Gesetz und eine Qualifizierungsoffensive Menschen wieder in Arbeit bringen wollen.

Wir müssen Hartz IV überwinden und über ein solidarisches System nachdenken. Wir brauchen keinen aktivierenden Staat, sondern einen aktiven Staat. Das heißt: Wir müssen mehr fördern. Insgesamt wollen wir in dieser Legislatur 4 Milliarden Euro allein für Langzeitarbeitslose nutzen.

Welche technische Entwicklung in den Arbeitswelten beschäftigt Sie persönlich am meisten und sollte Ihrer Meinung nach mehr Gehör finden? Welches Thema würden Sie gerne den Besucherinnen und Besuchern dieser Veranstaltung mit nach Hause mitgeben?

Wir haben viele Themen. Sicher ist ein großes Thema – neben der Digitalisierung – die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Das ist ein Thema, das uns auch in den nächsten Jahren stärker begleiten wird.

Eine Frage an Sie persönlich: Was wäre für Sie eine positive Vorstellung der Arbeit im Jahr 2050? Gibt es so etwas wie eine „ToDo-Liste“ an Anliegen, bei denen Weiterentwicklungen und Anpassungen besonders nötig erscheinen?

(lacht) Ich hoffe, mich ersetzt bis dahin kein Roboter.

Jetzt im Ernst: Wir werden einen radikalen Umbau des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems haben. Auch in der Zukunft muss es für die SPD gelten: Die Arbeit muss sich an den Menschen anpassen und nicht die Menschen an die Arbeit. Auf Basis der Menschenwürde müssen wir einen Rahmen entwickeln, in dem Menschen zusammenleben können, arbeiten und gleichzeitig viel Zeit für ihre Familien und Freunde haben.

(Fotografie: Ute Langkafel)

Weblinks:

Die Abgeordneten-Webseite von Dr. Karamba Diaby

Dr. Karamba Diaby auf den Seiten des Deutschen Bundestages

About the author: Andie Rothenhäusler