Interview: „Die Weichen sind für mich in die falsche Richtung gestellt“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Dortmund erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Blog veröffentlichen. Das zweite unserer Dortmunder Interviews führten wir mit Heinz-Ludwig Bücking, dem Leiter des Arbeitskreises Dortmund beim Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. und Mitbetreiber des Besucherbergwerks „Graf Wittekind“. Herr Bücking ist Gießerei-Ingenieur der Hoesch AG im Ruhestand und seit 1966 Hobby-Bergbauer und Bergbau-Forscher. In unserem Dortmunder Panel nahm er die Rolle eines Zeitzeugen ein, der die Transformationen der Arbeit im Ruhrgebiet direkt miterlebt hat.

Herr Bücking, aus der Sicht eines gebürtigen Dortmunders; Wie haben Sie den Strukturwandel in Dortmund erlebt? Wie hat sich dieser auf die Arbeit sowie das soziale Leben in Dortmund ausgewirkt?

Ich habe 1966 als 14jähriger mit Volksschulabschluss bei der Dortmund Hörder Hüttenunion (später Hoesch) in der Stahlgießerei des Werkes Phönix eine Lehre als Modellschreiner begonnen. Mein großes Ziel, Gießerei-Ingenieur zu werden, habe ich 1975 erreicht. Danach folgte eine sehr intensive Zeit als Betriebsingenieur bei der Realisation von Stahlgussstücken bis zu einem Gießgewicht von 640 t Flüssigstahl. Diese Zeit hat mich geprägt. Es ist mir sehr schwer gefallen, mich der Realität der Stilllegung des Betriebes zu stellen und loszulassen. 1985 bin ich zu einer mittelständischen Stahlgießerei nach Witten gewechselt. In meiner Funktion als Gießerei-Leiter – diese Position hätte ich bei Hoesch nie erreicht – habe ich knapp dreißig Jahre für 150 Mitarbeiter die Ergebnisverantwortung getragen. Die Arbeit hat mich ausgefüllt, trotzdem habe ich die Herausforderungen beim Großguss an technischen Grenzen zu arbeiten, immer ein wenig vermisst. Für mich persönlich war der Strukturwandel zwar ein Einschnitt, gleichzeitig aber auch ein Karrieresprung hin zu weitgehend selbstbestimmter Arbeit. Kein Mitarbeiter der großen Montanbetriebe wurde durch die Stilllegungen arbeitslos. Vorruhestand und Umsetzungen hatten deutliche Einkommensverluste und längere Abwesenheitszeiten von zu Hause zur Folge. Über Wunden im emotionalen Bereich der Betroffenen kann ich nur Mutmaßungen anstellen.

Wie ist die Arbeitsmarktsituation heute in Dortmund? Wer findet Arbeit? Wer nicht?

Die verlorengegangenen Industriearbeitsplätze mit wirklicher Wertschöpfung konnten nicht annähert ersetzt werden. Die neu entstandenen Arbeitsplätze in Dienstleistungsbetrieben und in der Logistik haben ein deutlich geringeres Lohnniveau. Getragen wird die Wirtschaft von vielen kleinen Handwerksbetrieben und den Beschäftigungsverhältnissen im Zusammenhang mit der Universität. Mit der Installierung des Technologieparks konnten viele Arbeitsplätze für Menschen mit höhen Bildungsabschlüssen geschaffen werden. Die sich öffnende Schere zwischen gut Verdienenden und hart arbeiteten Menschen am der Existenzgrenze macht mir Sorge.

Was denken Sie: Wie sieht die Arbeitswelt in Dortmund in Zukunft aus, in, sagen wir, dreißig Jahren? Können/müssen Politik und Bildung etwas für die Zukunft der Arbeit ändern?

Um als Industriestandort zukunftsfähig bleiben zu können, brauchen wir zwingend eine sichere Energieversorgung zu günstigen Preisen. Hierzu ist es erforderlich, alle Arten der Energiegewinnung ohne ideologische Brille zu bewerten und entsprechend einzusetzen. Unsere Gesellschaft wird immer technikfeindlicher und reglementierter. Wenn alles Regeln unterworfen ist, herrscht Stillstand und Innovationen sind tot. Wir ersuchen unsere Kinder vor allen Gefahren zu bewahren, übersehen dabei aber, dass wir ihre Entwicklung zur Selbstständigkeit verhindern. Unser Bildungssystem ist zu stark verwissenschaftlicht. Es fehlt ihm die Erdung durch die berufliche Praxis. Die Weichen sind für mich in die falsche Richtung gestellt. Die für Entscheidungen verantwortlichen Personen sind durch das bestehende System geprägt und nicht in der Lage umzusteuern. Wir sind dabei unsere Spitzenposition auf dem Weltmarkt verlieren.

Was sind die Ziele Ihres Arbeitskreises und des Besucherbergwerks Graf Wittekind?

Mit dem Bergwerk Graf Wittekind und den Monographien zu stillgelegten Schachtanlagen wollen wir die Erinnerung an den Steinkohlenbergbau wachhalten. Die Projekte sind so angelegt, dass sie ein Höchstmaß an ehrenamtlichen Einsatz, bei minimalen Kapitalbedarf. erfordern. Es wird heute vielfach verdrängt, dass der Bergbau und die Bergleute die Voraussetzungen für den technischen Fortschritt und damit die Grundlage für unseren heutigen Wohlstand erarbeitet haben. Der Steinkohlenbergbau wird heute als Umweltzerstörer und Subventionsempfänger betrachtet, ohne zu wissen, dass sein Anteil am Subventionskuchen nie mehr als 5% betragen hat.

Weblinks:

Heinz-Ludwig Bücking und der Arbeitskreis Dortmund auf den Seiten des Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V.

About the author: Andie Rothenhäusler