Interview: „Technikentwicklungen haben seit den 1970er Jahren ‚ihre Unschuld verloren‘“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Durlach erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten veröffentlichen. Das letzte unserer vier Interviews führten wir mit Bettina-Johanna Krings vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie. Frau Dr. Krings ist an ihrem Institut Leiterin des Forschungsbereichs „Wissensgesellschaft und Wissenspolitik“, dessen Schwerpunkt unter anderem der technische Wandel und seine gesellschaftlichen Folgen sind. Das ITAS hat in der Vergangenheit unter anderem den Deutschen Bundestag, das EU-Parlament, die EU-Kommission sowie viele Bundes- und Landesministerien beraten, wenn es um die möglichen Folgen von Technologien geht. Frau Krings ist zudem stellvertretende Sprecherin des Topics „Arbeit und Technik“ im Rahmen des Schwerpunktes „Mensch und Technik“ des Karlsruher Instituts für Technologie.

Frau Krings, können Sie uns und den Leser*innen kurz beschreiben, welche Forschung am ITAS betrieben wird und wie Sie in Ihrem eigenen Forschungsbereich vorgehen?

Das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) erforscht wissenschaftliche und technische Entwicklungen in Bezug auf deren systemische Zusammenhänge sowie deren Folgen auf soziale Veränderungen. So erarbeitet und vermittelt es Wissen und Bewertungen und entwirft Handlungs- und Gestaltungsoptionen im Hinblick auf technische Entwicklungen. Ethische, ökologische, ökonomische, soziale, politisch-institutionelle und kulturelle Fragestellungen stehen hierbei im Mittelpunkt der Forschung. Wesentliche Ziele sind die Beratung der Forschungs- und Technikpolitik, die Bereitstellung von Orientierungswissen zur Gestaltung sozio-technischer Systeme sowie die Durchführung diskursiver Verfahren zu offenen oder kontroversen technologiepolitischen Fragen.

Weswegen ist Technikfolgenabschätzung – von Wissenschaftler*innen, die sie betreiben, oft mit ‚TA‘ (‚technology assessment‘) abgekürzt – wichtig, für die Wissenschaft, für die Politik, für die Gesellschaft? Was erhoffen sich Politik und gesellschaftliche Gruppen von TA?

Über den wissenschaftlich-technischen Fortschritt haben sich moderne (westliche) Gesellschaften konstituiert. Er bildet noch immer das Rückgrat gesellschaftlichen Wandels. Diese Entwicklungen haben sich jedoch auch zu Schattenseiten des gesellschaftlichen Wandels entwickelte, wie das Beispiel des Klimawandels, der starken Zunahme des Ressourcenverbrauchs sowie die technisch induzierten Risiken zeigen. Technikentwicklungen haben seit den 1970er Jahren ‚ihre Unschuld verloren‘. Die TA ist genau vor diesem Hintergrund entstanden: den wissenschaftlich-technischen Wandel verstärkt zu reflektieren und seine Folgen für Gesellschaften sichtbar und verhandelbar zu machen. Für die Politik bildet TA eine wichtige Quelle der Informationen und Einschätzungen zu spezifischen Fragen neuer technischer Innovationen wie die Arbeit des Büros für Technikfolgenabschätzung am Deutschen Bundestags zeigt (TAB).

Welche wissenschaftlichen und technischen Veränderungen in der Arbeitswelt stehen aktuell zur Debatte? Wie könnte der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen? Was sind die großen Themen, die Sie am ITAS in diesem Bereich beschäftigen?

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik bestimmen sicherlich das Feld, das momentan am intensivsten öffentlich diskutiert und bearbeitet wird. Diese Entwicklungen betreffen in besonderem Maße verschiedene Arbeitsfelder, beispielsweise in der Industrie oder in der Pflege. Diese Beispiele werden am ITAS intensiv beforscht. Der Arbeitsplatz der Zukunft entwickelt sich weiterhin auf der Basis digitaler Systeme weiter. Wir vermuten, dass die Quantifizierung und Informatisierung von Arbeitsprozessen voranschreiten wird, was sich natürlich extrem auf die Gestaltung zukünftiger Arbeitsplätze auswirken wird.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung zu diesen – Zustimmung, Sorgen, Indifferenz? Gibt es Themen, die mehr Aufmerksamkeit finden als andere? Was sind die Chancen und Risiken, welche erwartbar sind?

Grundsätzlich habe ich nicht den Eindruck, dass es hierzu intensive gesellschaftliche Debatten gibt. Jede große und bedeutsame Tages- bzw. Wochenzeitung hatte eine Serie zum Themenfeld ‚Robotik‘ und den Auswirkungen auf Alltagswelt und Arbeitsmarkt. Diese waren teilweise hervorragend recherchiert und beschrieben. Dennoch gibt es wenige Plattformen, Räume, wo diese Themen mit Einbezug der Öffentlichkeit oder eben betroffenen Menschen diskutiert werden.

Gibt es Visionen der Arbeit von morgen, auf die Politik und Wissenschaft gerade hinarbeiten?

In der Politik und Wissenschaft werden die Technologien als die Hoffnungsträger der Zukunft ausgeflaggt. Vor allem im Hinblick auf Prognosen zum Wirtschaftswachstum, zur Konkurrenzfähigkeit und zur Sicherung zukünftiger Innovationschancen gelten die digitalen Technologien als zukunftsweisend und deren Entwicklung als unabwendbar. Diese Prognosen werden in der Wissenschaft teilweise kritisch hinterfragt, jedoch gehen diese Diskussionen weniger in Richtung ‚Visionen‘, sondern bleiben ihrem klassischen wissenschaftlichen Auftrag treu, den Zweifel zu nähren und die Prognosen zu hinterfragen. Gleichsam gibt es jedoch auch hier eine große Zustimmung im Hinblick auf die Förderung der Digitalisierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Das KIT steht ebenfalls für diese Entwicklung.

Welches Thema beschäftigt Sie persönlich am meisten und sollte Ihrer Meinung nach mehr Gehör finden? Welches Thema würden Sie gerne den Besucherinnen und Besuchern dieser Veranstaltung mit nach Hause mitgeben?

Mich beschäftigt die Frage, warum die Menschen mehr Vertrauen in die technische Gestaltung der Zukunft haben als in soziale Visionen. Visionen, die angesichts der Weltlage die Frage stellen, wie Friedensfähigkeit, soziale Integration, Gerechtigkeit etc. möglich werden kann. Anstelle der Frage, wie wir unsere digitale Zukunft gestalten sollen, finde ich es zentraler, am Menschen, an der Gesellschaft anzusetzen und ganz andere Fragen zu stellen. Das schließt Technik freilich in hohem Maße mit ein, wenn wir über deren Umsetzung nachdenken müssen.

Eine Frage an Sie persönlich: Was wäre für Sie eine positive Vorstellung der Arbeit im Jahr 2050? Gibt es so etwas wie eine „ToDo-Liste“ an Anliegen, bei denen Weiterentwicklungen und Anpassungen besonders nötig erscheinen?

Ich staune auf Veranstaltungen immer, wie engagiert die Menschen diskutieren, wenn es um Fragen zur Zukunft der digitalen Arbeit geht. Klar, die meisten Menschen sind in Arbeitsprozesse involviert, setzen sich Tag für Tag mit ihren Arbeitsprofilen und Arbeitsumgebungen auseinander. Es wäre schön, mehr Möglichkeiten zu schaffen, um die Frage nach der Gestaltung zukünftiger Arbeit breit zu diskutieren und die Vielfalt der Arbeitswelten miteinzubeziehen. So bleibt die Fragestellung nicht akademisch, sondern wird von vielfachen Erfahrungen bereichert.

Weblinks:

Bettina Krings auf den Seiten des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse

Vortrag: „Mein Kollege, der Roboter: schöne (neue) Arbeitswelten“, gehalten im Rahmen von „KIT im Rathaus“ des ZAK | Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale am 12. Juli 2017

About the author: Andie Rothenhäusler