Interview: „Wir müssen in Zukunft massiv in Qualifizierung investieren“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Halle (Saale) erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten in unserem Blog veröffentlichen. Das zweite unserer Hallenser Interviews führten wir mit Petra Bratzke, der Leiterin der Agentur für Arbeit in Halle (Saale). Frau Dr. Bratzke ist promovierte Volkswirtschaftlerin und war in den 1980er Jahren Dozentin an der Martin-Luther-Universität Halle. Kurz nach der Wende wurde sie Abteilungsleiterin im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), 2004 dann Chefin der Agentur für Arbeit in Dessau. Sie wechselte 2010 als Agenturleiterin nach Halle.

Frau Bratzke, wahrscheinlich ist es nicht in jeder Stadt der Bundesrepublik selbstverständlich, dass die Chefin der Agentur für Arbeit stadtweit bekannt ist und regelmäßig in Presseinterviews über die Arbeit ihrer Einrichtung und deren langfristige Ziele informiert. Was, denken Sie, unterscheidet Halle in dieser Hinsicht von anderen Großstädten? Und was sind die Gründe dafür, dass Halle und Region in der Nachwendezeit so hart von Arbeitslosigkeit getroffen wurden?

Die regionale Wirtschaft und der Arbeitsmarkt spielen vielleicht eine größere Rolle als in anderen Regionen. Dabei spielen die aktuellen Neuansiedlungen sowie die regionale Presselandschaft und das Wirtschaftswachstum eine Rolle. In der DDR-Vergangenheit hatten wir eine Monostruktur (große DDR-Kombinate) im Chemiedreieck mit eigenen Stadtgründungen wie Halle-Neustadt. Die Firmen waren mit ihren alten Anlagen auf dem westlichen Absatzmarkt nicht wettbewerbsfähig. Dabei kam erschwerend hinzu, dass die Ostmärkte weggebrochen sind.

Laut einer Statistik der Bundesanstalt für Arbeit erreichte die Arbeitslosigkeit im wiedervereinigten Deutschland ihren höchsten Stand 2005 mit 13 Prozent. In den neuen Bundesländern lag die Quote damals sogar bei 20,6 Prozent. Wie stellten sich die Arbeitsagenturen in den 1990er und 2000er Jahren dieser Herausforderung? Und was definiert aus Ihrer Perspektive ‚gute Arbeit‘ innerhalb der Agentur für Arbeit?

Der Rechtsrahmen der alten BRD wurde genutzt, um eine funktionierende Arbeitsverwaltung aufzubauen. Dabei lag der Schwerpunkt auf dem geförderten Arbeitsmarkt und der Schaffung von Sanierungsgesellschaften. Der Strukturwandel wurde dabei flankiert um z.B. ehemalige Industriebrachen zu entwickeln.

In den 1990er Jahren stand die Sicherung des Lebensunterhaltes im Vordergrund und es wurde zahlreiche Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt. Gute Arbeit bedeutet innerhalb unserer Agentur vor allem, Menschen und Arbeit zusammen zu führen.

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung waren Sie 34 Jahre alt. Wie sind Ihre Erinnerungen an das Verständnis von Arbeit im ‚realexistierenden Sozialismus‘ – und würden Sie sagen, dass Arbeit im wiedervereinten Deutschland einen anderen Stellenwert hat als in der DDR?

Im Sozialismus hatten wir das „Recht und die Pflicht zur Arbeit“. Arbeit hatte traditionell einen hohen Stellenwert. Man definierte sich über den Beruf. Heute ist jede Arbeit produktiv, die Profit erwirtschaftet. Zu DDR-Zeiten gab es nicht eine solche Einkommensspreizung.

Wie veränderten sich aus Ihrer Perspektive Halle und Umland in der Wende- und Nachwendezeit? Welche damaligen Maßnahmen stellten sich im Nachhinein als falsch heraus und hätten vermieden werden können – und wann und wo wurden entscheidende Weichen für die ab 2003 einsetzende wirtschaftliche Erholung gestellt?

Die schnelle Einführung der D-Mark und der damit einhergehende massive Strukturwandel führten zu einem Niedergang ganzer Industriezweige und parallel dazu erfolgte der Aufbau neuer Branchen langsamer als geplant. Dazu kamen die exorbitanten Umweltbelastungen, was zum Abschalten zahlreicher Anlagen führte.

Inzwischen hat sich das Umfeld zum Positiven verändert und Halle vor dem Verfall als Stadt bewahrt. Halle hat sich als Oberzentrum dabei in den letzten Jahren besonders gut entwickelt.

Inwiefern wirkt die Krise des Arbeitsmarktes in den 1990er Jahre weiterhin nach? Wie würden Sie den psychischen Eindruck beschreiben, den sie auf die Hallenser Bevölkerung hatte?

Wir haben bis heute einen „harten Kern“ an Langzeitarbeitslosen gerade im Bereich der Grundsicherung. Das heißt Menschen, die nie am Arbeitsmarkt angekommen sind. Dazu kam die starke Abwanderung in die alten Bundesländer. Darunter besonders gut qualifizierte Frauen. Somit also eine „doppelte demografische Falle“. Die Kinder wurden nicht hier geboren.

Gerade die Langzeitarbeitslosigkeit stellte lange Zeit ein großes Problem dar. Konnte dieses Problem mit arbeitspolitischen Maßnahmen gelöst werden – oder löste es sich mit der Zeit von selbst, da ältere Arbeitssuchende irgendwann in Rente gingen?

Langzeitarbeitslosigkeit ist immer noch ein Thema. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen konnten das Problem bisher nur flankieren. Wir müssen in Zukunft massiv in Qualifizierung investieren. Die Demografie sorgt jedoch für einen weiteren Rückgang der Zahlen.

Auch von Jugendarbeitslosigkeit war Halle lange Zeit betroffen. Was, denken Sie, sind die Gründe dafür? Und wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund den Trend bei Jugendlichen weg von der Ausbildung – hin zum Studium?

Jugendliche, die mobil und qualifiziert waren, sind abgewandert. Jugendliche fehlen für die neuen Arbeitsplätze in der Region.

Was den Trend von der Ausbildung zum Studium angeht: Inzwischen beraten zunehmend Eltern ihre Kinder in der Hinsicht, ein Studium aufzunehmen. Hier ist unsere Berufsorientierung noch mehr gefordert, um auch auf die sehr guten Chancen hinzuweisen, die betriebliche Ausbildungen bieten.

Welche Möglichkeiten haben bzw. testen Sie, um gerade jungen Menschen erfolgreich Arbeits- und Ausbildungsplätze zu vermitteln? Welche unterstützenden Maßnahmen würden Sie sich hierfür von der Politik wünschen?

Wir sind hier sehr aktiv mit unseren Berufsberatern an den Schulen unterwegs und bieten zusammen mit Firmen aus der Region für viele Branchen Elternabende an.

Weiterhin bieten wir einen berufsphysiologischen Service mit zahlreichen Testverfahren.

In einer McKinsey-Studie wurde 2017 die These aufgestellt, dass bis 2030 ein Drittel aller Jobs weltweit durch die Digitalisierung überflüssig werden. Wie bewerten Sie solche Befunde? Welche Auswirkungen wird die sich abzeichnende digitale Revolution auf Arbeitsmarkt und Gesellschaft haben? Wie wahrscheinlich ist aus Ihrer Perspektive die Schaffung neuer Jobs? Und wenn es aktuell vor allem Jobs im Dienstleistungssektor sind, die automatisiert werden: Auf welchen Gebieten und in welchen Branchen können neue Arbeitsplätze entstehen?

Unsere eigenen Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg gehen davon aus, dass die zunehmende Digitalisierung jedenfalls mit einer deutlichen Umgestaltung der Arbeitswelt einhergehen wird, in diesem Prozess werden Bildung und Weiterbildung der Beschäftigten eine zentrale Rolle übernehmen. Sie betonen, dass für die regionalen Auswirkungen einer zunehmenden Digitalisierung die Wirtschafts- und Berufsstruktur vor Ort entscheidend ist.

Bis zum Jahr 2035 wird die Digitalisierung nur geringe Auswirkungen auf das Gesamtniveau der Beschäftigung haben, aber große Umbrüche bei den Arbeitsplätzen mit sich bringen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor, in der das Szenario einer fortschreitenden Digitalisierung mit einem Basis-Szenario ohne Digitalisierungseffekte verglichen wird.

Eine persönliche Frage an Sie: Zu welcher beruflichen Laufbahn würden Sie jungen Menschen raten? Und welche Qualifikationen werden in Zukunft wichtiger, welche unwichtiger werden?

Durch die zukünftigen Veränderungen in einer digitalisierten Arbeitswelt wird es vor allem wichtig sein, sich schnell und problemorientiert die gewünschten oder erforderlichen Kompetenzen anzueignen (Fremdsprachen; Programmieren und Kommunikationsfähigkeit etc.). Dies wird bei uns aktuell unter dem Schlagwort „Lebenslanges Lernen“ in Gesprächen mit den Arbeitsmarktpartnern thematisiert. Hier ist zunehmend die Fähigkeit gefragt, agil auf Veränderungen zu reagieren und sich anpassen zu können.

Das Datum liegt zwar noch ein paar Jahrzehnte in der Zukunft, aber: Wie stellen Sie sich die Arbeit im Jahr 2050 vor?

Ich denke, es wird einen technikgetriebenen Arbeitsmarkt geben, wo Ort und Zeitpunkt der Arbeitsleistung wesentlich flexibler als heute gestaltet sein werden und eine hohe Mobilität von den Arbeitnehmern erfordert wird.

About the author: Andie Rothenhäusler