Interview: „Wir stehen möglicherweise am Ende der Epoche der politisch-industriellen Doppelrevolution“

Im Vorfeld unserer Diskussionswerkstatt in Durlach erhielten alle unsere Referentinnen und Referenten einen Fragekatalog, der zur Vorbereitung des Podiumsgesprächs diente. Nicht alle gestellten Fragen konnten in 90 Minuten abgearbeitet werden; da die Antworten oft spannend waren und auch für uns neue Informationen enthielten, werden wir einige dieser Interviews in den nächsten Wochen und Monaten veröffentlichen. Den Beginn macht das Interview mit dem Historiker Rolf-Ulrich Kunze, der am Institut für Geschichte des KIT neuere und neueste Geschichte lehrt. Prof. Dr. Kunze lebt seit 2001 in Karlsruhe und ist ein ausgewiesener Experte für die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Neben seiner Tätigkeit in Forschung und Lehre ist er auch literarisch tätig und hat 2017 seinen zweiten Roman veröffentlicht.

Herr Kunze, bis 1938 war Durlach noch eine eigene Stadt und wurde erst danach ein Stadtteil Karlsruhes. Wie würden Sie die Entwicklung Durlachs im 20. Jahrhundert charakterisieren? Inwiefern bewegte sich der Stadtteil, wie im Titel unserer Veranstaltung beschrieben, zwischen „Dampfmaschine und Digitalisierung“?

Durlach war und ist, wie unsere Podiumsdiskussion aus verschiedenen Perspektiven gezeigt hat, eine eigene Stadt mit eigener Industrialisierungsgeschichte und anderer Sozialstruktur als Karlsruhe. Hier wird ein Modernisierungspfad bis zur Eingemeindung erkennbar, der auch danach erfolgreich eigenständig bleibt. Durlachs Überschaubarkeit macht die Ambivalenz des sozialen Wandels seit der Industrialisierung gut erkennbar. Das ist nicht nur eine eindimensionale Fortschritts-, sondern eine oft harte Anpassungsgeschichte.

Gerade in den 1950er und 1960er Jahren erschien die Zukunft in der Bundesrepublik als rosig. Neue Technologien wie die Atomenergie und die Automation schienen ein Leben im Überfluss in Aussicht zu stellen; Kybernetiker und Futurologen wie Herman Kahn sagten für das Jahr 2000 eine Arbeitswoche von 30 Stunden oder weniger voraus. Wie würden Sie das kollektive Bewusstsein in den Nachkriegsjahrzehnten beschreiben? Und welchen Stellenwert hatte darin die Arbeit?

Die Gesellschaft der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre ist eine industrielle Arbeits- und Leistungsgesellschaft, wie der Jurist Ernst Forsthoff sie 1971 in seinem Essay „Der Staat der Industriegesellschaft“ idealtypisch beschrieben hat. Diese beruht nicht allein oder auch nur in erster Linie auf großen technischen Innovationen und unternehmerischem Wagemut, sondern vielmehr auf deren Interdependenz mit sozialen Arbeitnehmer-Tugenden und staatlicher Intervention zwischen 1880 bis 1980. Die affluent society, von der John K. Galbraith geprochen hat, kommt bei den Einzelnen später an, als oft angenommen: nicht schon mit dem Wirtschaftswunder, sondern erst mit den Lohnsteigerungen und Konsumoptionen der 1960er Jahre.

Die 1950er Jahre sind im Verhältnis von Kapital und Arbeit geprägt durch den breiten Wiederaufbaukonsens von Wachstum und technikgestütztem Fortschritt. In den 1960er Jahren herrscht die Vision der wachstumsgestützten sozialen Umverteilung und der Durchsetzung eines bildungszentrierten Innovationssystems vor. Die 1970er Jahre lassen lineare Fortschritts- und technoide Wachstumskonzepte im Zeichen der ‚Grenzen des Wachstums‘ prekär erscheinen und betonen die Berechtigung sozialer Partizipation z. B. in Gestalt der Arbeitnehmer-Mitbestimmung. Die 1980er Jahre sind gekennzeichnet durch die neoliberalen Reagonomics, die Ökonomisierung von Gesellschaft, Arbeit und Wissenschaft. In den 1990 Jahren geht es u. a. um neu auszuhandelnde Konsense in der Risiko- und Wachstumsgesellschaft, die unter zunehmenden Globalisierungsdruck gerät. In den 2000ern holen den globalen Westen neue Spaltungen aufgrund neuer Ungleichheit in der Arbeitswelt und der Nord-Süd-Ungleichheit in der Wohlstandsverteilung u. a. durch Migration einerseits, Populismus und Nationalismus andererseits ein.

Die Arbeit ist in allen Phasen sozialen Wandels nicht nur die sozioökonomische, sondern auch humane und soziale Grundlage, wie eine Definition der aktuellen Auflage des Evang. Soziallexikons von 2016 anschaulich macht: „Erwerbsarbeit als Wesensmerkmal moderner Gesellschaften. Arbeit in dem bezeichneten Sinn als Erwerbsarbeit bestimmt die Normalbiographie der überwiegenden Mehrzahl der Menschen. Die grundlegenden sozialen Systeme sind auf die Erwerbsarbeit bezogen, indem sie erstens für die Arbeit qualifizieren, zweitens Friktionen im Arbeitsleben (Unfall, Krankheit, aber auch Arbeitslosigkeit) überbrücken helfen und drittens für einen problemlosen Übergang in den Ruhestand sorgen. Die Erwerbsarbeit ist die Grundlage des bürgerlichen Lebens, auf welcher der soziale und demokratische Rechtsstaat gründet.“ (Traugott Jähnichen, Arbeit, in: Evang. Soziallexikon, hg. v. Jörg Hübner u. a., Stuttgart u. a. 2017, Sp. 58-66, 58).

In den 1970er Jahren folgten dann in kurzem Abstand „Die Grenzen des Wachstums“, Erdölkrise und Rezessionen, welche nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in fast allen westlichen Gesellschaften mit sozialen Konflikten, Terrorismus und einem starken Anstieg der Arbeitslosenzahlen zusammenfielen. Inzwischen wird diese Entwicklung als ein „Strukturbruch“ beschrieben, der die beständige Steigerung des Wohlstands in den Nachkriegsjahrzehnten ins Wanken brachte. Können Sie das Konzept des Strukturbruchs kurz erläutern – und was veränderte sich zwischen den 1960er und 1980er Jahren am entscheidendsten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

In der Politik bringen die 1970er Jahre das Ende der einhundertjährigen Geschichte des europäischen sozialen Interventionsstaatsmodells mit sich, dem zunächst in Großbritannien, dann auch auf dem europäischen Kontinent die politische Akzeptanz verloren geht. Der RAF-Terrorismus als die mörderische Wendung der „Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft“ (Erwin K. Scheuch, 1968) markiert in der Bundesrepublik für die bereits stark von Fernsehbildern geprägte Erinnerungskultur diesen Strukturbruch auf blutige Weise. Das hat dazu beigetragen, dass lange Zeit mehr über die RAF als über das Ende der Interventionsstaatlichkeit gesprochen wurde.

In der Wirtschaft bringt die neoliberale Wende mit dem Amtsantritt von Margaret Thatcher als britische Premierministerin 1979 und Ronald Reagan als US-Präsident 1980 den vorläufigen Abschied vom Kapitalismus mit Attributen.

In der Entwicklung der Leitgesellschaften des globalen Westens sieht die Global history in den 1970er Jahren heute eine Stufe der kulturellen Differenzierung und Mobilisierung im Druck zur kontinuierlichen Neuerfindung der eigenen Biographie, die traditionelle Bindungen von der Familie bis zur Religion noch schneller relativiert als bisher. Das hat vor allem mit der Wirkung eines globalen Mediums zu tun, des Fernsehens.

Ein Thema, das damals ebenso diskutiert wurde wie heute ist das der Digitalisierung, wobei diese Ende der 1970er Jahre noch als „Mikrochip-Revolution“ bzw. als „Dritte industrielle Revolution“ beschrieben wird. Die Einführung der neuen Technologie wurde vor allem von den Gewerkschaften kritisch gesehen, besonders vor dem Hintergrund steigender Arbeitslosenzahlen, da die durch Digitalisierung überflüssig gewordenen Arbeitskräfte nicht so schnell einen neuen Job fanden. Was versprachen sich Parteien, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen von der neuen Technologie, weswegen lehnten sie sie ab? Und inwiefern wurden „Zukunft“ und „Technik“ in den 1980er Jahren zu Vokabeln des politischen Diskurses – und welche politischen Parteien versuchten diese für sich zu vereinnahmen?

Wie der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Schlüsselwerk ‚Rétour à Reims‘ 2009 (dt. Rückkehr nach Reims, 2016) beschreibt, gab es seit Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre eine regelrechte Kampagne von unternehmernahen Sinnstiftern und Think tanks zur Etablierung der Diskursherrschaft einer technikfortschrittsabhängigen Lösung des Konflikts zwischen Arbeit und Kapitel. In deren Konsequenz entstand bei einflussreichen Teilen der intellektuellen Eliten westlicher Länder nicht nur in Frankreich der Eindruck, die technikfortschrittsaffine Dienstleistungsgesellschaft habe den Gegensatz von Kapital und Arbeit weitgehend gelöst. Die von ihr erzeugten neuen sozialen Probleme gerieten damit aus dem politischen Blick. Selbst die Hauptvertreter sozialer Demokratie und ihrer kybernetischen Steuerung, die Sozialdemokraten, verschrieben sich in Europa zumindest teilweise einer Politik des ‚Dritten Wegs‘, der vor allem den Rückbau des sozialen Interventionsstaats voraussetzte. In ganz Europa erleben wir seit einigen Jahren eine Strukturschwäche von sozialdemokratischen und zentristisch-christdemokratischer Politikangeboten, die nicht nur in der Bundesrepublik die Frage nach dem volksparteilichen Integrationsmodell der Politik akut macht.

Für Arbeitgeber bedeutete die elektronische Revolution der Industrialisierung 3.0 neben Effizienzsteigerung in der Produktion eine willkommene Möglichkeit zur Aushebelung der insbesondere in der Bundesrepublik ausgehandelten Arbeitsnehmer-Mitbestimmung durch die immer mehr globale Standortkonkurrrenz. Für Arbeitnehmer wurde nicht nur die Angst vor „Wegrationalisierung“ zum normalen Teil der immer häufiger prekarisierten Erwerbsbiographie, sondern auch eine Umkehrung des gesellschaftlichen Konsenses über die Mitbestimmung. Nicht mehr deren Fehlen schien nun rechtfertigungsbedürftig, sondern das Festhalten an ihr. „Zukunftsfähigkeit“ konnte als deregulierende Überwindung aller Zähmungsversuche der Marktkräfte, deren Einforderung als zukunftsvergessene Besitzstandswahrung interpretiert werden. Die Zukunft war nicht mehr in erster Linie eine soziale, sondern eine von technischen Innovationsversprechen in Verbindung mit der neoliberalen Vorliebe für den individuellen sozialen Aufstieg. Wie weit dieses Mindset das Soziale aus dem Diskurs verdrängen konnte, zeigt sich auch an den Erfolgen der ökologistischen Agenda.

In diesem Kontext bekommt auch die Interpretation der Geschichte auch eine andere Bedeutung. Konfessionell und sozial geprägte Gesellschaften haben eine Vergangenheit, eine veränderbare Gegenwart und eine Zukunft. Technoide und neoliberale Kulturen haben nur Zukünfte, von deren utopischer Projektion aus Sachzwänge an die Gegenwart wie z. B. die Fixierung auf die MINT-Fächer und die Forderung nach einer bestimmten Wissenschaftspolitik abgeleitet werden. Eine Vergangenheit haben und brauchen sie nur als Marketing-Argument im Firmenmuseum oder als rührseliger Bestandteil von Hollywoods Traumwelten, sicherlich nicht in Form kritischen historischen Differenzbewusstseins.

Im letzten Jahr haben Sie sich intensiv mit dem Karlsruher Informatiker Karl Steinbuch beschäftigt, der 2017 100 Jahre alt geworden wäre. Steinbuch war einer der prominentesten Futurologen in der Bundesrepublik, sein Buch „Mensch – Technik – Zukunft“ ist ein Klassiker der Zukunftsforschung. In seiner zweiten Lebenshälfte begann sich Steinbuch jedoch auch stark zur politischen Rechten hin zu entwickeln, so unterstützte er die Republikaner und vertrat in seinen letzten politischen Schriften geschichtsrevisionistische und chauvinistische Thesen. Welche Rolle spielte Steinbuch im politischen Diskurs der Bundesrepublik, inwiefern stand er für eine bestimmte Art und Weise, den technischen Fortschritt zu bewerten? Und wie sollte am besten mit seinem Erbe – etwa dem nach ihm benannten Rechenzentrum des KIT sowie einer Reihe von Stipendien und Förderpreisen – umgegangen werden?

Steinbuch verwendet nicht, wie die offizielle KIT-Lesart es bislang darstellt, erst in seiner zweiten Lebenshälfte Argumente der autoritären und geschichtsapologetischen Rechten, sondern in seinen erfolgreichen Publikumsschriften bereits sehr viel früher. In seiner bei dtv nachgedruckten Schrift ‚Programm 2000‘ von 1970 schreibt Steinbuch z. B. über die 68er-Bewegung: „Ich halte es für eine Aufgabe von größter Bedeutung, die gegenwärtige Bewegung unserer Jugend in erfolgreiche Bahnen zu lenken. Was hier an gutem Willen, moralischem Engagement und Verantwortungsbewußtsein aufbricht, ist mit dem vergleichbar, was ihre Väter und Großväter bei Stalingrad und Langemarck gezeigt haben.“ (Karl Steinbuch, Programm 2000, München, 2. Aufl. 1971, zuerst ebd., 1970), S. 193).

Das KIT sollte sich u. a. im Geist seiner Compliance-Ordnung verpflichtet fühlen, die Causa Steinbuch im Kontext unabhängig und extern zeit- und wissenschaftsgeschichtlich untersuchen zu lassen. Den daraus zu ziehenden Schlüssen möchte und kann ich hier nicht vorgreifen, aber die Dringlichkeit der Klärung betonen.

Seit ein paar Jahren boomt das Thema „Historische Zukunftsforschung“ in der Geschichtswissenschaft. So ist in den letzten drei Jahren eine ganze Reihe von Aufsätzen und Monografien von Historiker*innen wie Lucian Hölscher, Joachim Radkau, Elke Seefried und Achim Landwehr zu diesem Thema (neu-)erschienen. Wie erklären Sie sich persönlich das gesteigerte Interesse an den vergangenen Zukünften? Ist Retrofuturismus das Hobby einer Gesellschaft, der eigene positive Zukunftsentwürfe abhandengekommen sind?

Eine spannende Frage für den Protestantismushistoriker: Wir stehen möglicherweise am Ende der Epoche der politisch-industriellen Doppelrevolution. Einige Politikwissenschaftler sagen auch: am Ende der verfassungsstaatlichen, freiheitlichen Demokratie. Andere sehen den globalen Westen etwa dort, wo das British Empire etwa um 1900 war. Da passen solche Rückblicke ins Bild, die sich einer Zeit widmen, als Zukunft noch attraktiv war. Jedenfalls ist es so aktuell wie selten, sich mit Oswald Spengler und Arnold Toynbee zu beschäftigen. Der Protestantismushistoriker wird – obwohl sich der schöne Spruch bei Martin Luther gar nicht belegen lässt und ihm nur in den Mund gelegt wurde – zum Pflanzen von Apfelbäumchen raten.

Weblinks:

Rolf-Ulrich Kunze auf den Webseiten des Karlsruher Instituts für Technologie

Rolf-Ulrich Kunze auf clio-online

About the author: Andie Rothenhäusler