Wir haben an der Mitsingaktion teilgenommen!

Vor ein paar Wochen fand sich am Karlsruher Institut für Technologie ein kleiner Chor zusammen, bestehend aus Mitarbeiter*innen der Abteilung Wissenschaftskommunikation. Etwa eine Stunde lang übten wir ein linkes Kinderlied aus den 1970er Jahren ein, dessen Aufnahme wir jetzt bei der Mitsingaktion „Klingt nach Teamwork“ im Wissenschaftsjahr eingereicht haben. „Klingt nach Teamwork“ findet noch bis zum 30. November 2018 statt, Ziel der Mitsingaktion ist es, den Austausch unter Kolleg*innen hervorzuheben und zu stärken. Denn: „Gemeinsame Aktivitäten wie das Singen stärken das Teamgefüge und geben uns neue Inspiration.[1] Unseren Beitrag findet ihr hier und es würde uns sehr freuen, wenn ihr uns ein Herzchen gebt (das geht rechts unter dem Video neben dem Text „Jetzt abstimmen“):

Das Ziel unserer Einreichung war neben einer gemeinsamen gesanglichen Leistung auch, einen Einblick in die Arbeit unseres Projektes zu geben. Wir versuchen mit „Zurück in die Arbeitswelten der Zukunft“ ja, frühere Zukunftsvisionen der Arbeit nachzuzeichnen; etwa, wie die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung in beiden deutschen Staaten in den 1960er und 1970er Jahren diskutiert und ausgehandelt wurden. Hierzu verwenden wir nicht nur Interviews mit Zeitzeug*innen, sondern spüren auch Alltagsdokumente sowie popkulturelle Referenzen auf, welche manchmal auch einen politischen Hintergrund haben können.

Ein gutes Beispiel für solche Dokumente ist „Das Lied von Kalle seiner Freundin“, welches 1976 in Westdeutschland von den linken Liedermachern Wolfgang Dauner und Dieter Süverkrüp auf dem Album „Das Auto Blubberbumm“ veröffentlicht wurde und welches wir uns für die Mitsingaktion ausgesucht haben. Primäres Thema der Lieder auf dem Album (einem „Musical für Kinder ab 8“) sind die Auseinandersetzungen zwischen dem äußerst stereotyp gezeichneten Kapitalisten Herr von Rotz und seinen (ebenfalls stereotyp gezeichneten) Arbeitern; das „Lied von Kalle seiner Freundin“, beschreibt die Freundschaft zwischen dem Arbeiter Kalle und der Maschine:

Kalle möchte eine Freundin, weil man eine haben muss,
aber was für eine Freundin, größer als‘n Omnibus!
Und mit vielen schönen Augen, rot und gelb und blau und grün,
und mit Knöpfen zum Draufdrücken und mit Hebeln zum Dranzieh’n.

Und ihr Frühstück ist elektrisch und statt Limo trinkt sie Öl,
Kalles Freundin ist gefräßig, aber auch sehr stark und schnell.
Zwanzigmal so stark wie Kalle und so schnell, dass man‘s kaum sieht
Kalle ist dagegen langsam, das ist schon ein Unterschied.

Nicht nur Kalle ist von der Maschine begeistert; auch sein Chef, Herr von Rotz, sieht das Potenzial von Kalles Freundin und kauft sie daher für sein Werk:

Aber leider ist sie teuer, dass man‘s kaum bezahlen kann,
da kommt Herr von Rotz gegangen, Herr von Rotz, der reiche Mann.
Und er kauft sich die Maschine und er sagt „Welch schönes Stück!“
Herr von Rotz hat viel Maschinen und Fabriken, massig dick.

Kalle ist zuerst hocherfreut darüber, dass „die Maschine nun für ihn die Arbeit macht“; zu seiner Bestürzung entlässt Herr von Rotz nun die 19 Arbeiter – darunter Kalle –, die durch die Maschine überflüssig geworden sind. Empört stellt Kalle nun die Maschine zur Rede: „Hey Maschine, was ist los? // Biste nun von uns die Freundin oder biste die vom Boss?

Leise tickert die Maschine und sagt tief aus ihrem Bauch:
‚Das ist so, wem wir gehören, dessen Freunde sind wir auch.
Wenn ihr meint, dass wir Maschinen besser eure Freunde wär‘n,
müsst ihr eben dafür sorgen, dass wir erst mal euch gehör’n.‘ [2]

Die Aussage des Liedes von „Kalle seiner Freundin“ ist bei genauerem Hinsehen eine dezidiert marxistische – erst wenn die Arbeiter die Produktionsmittel übernehmen, können diese ihre Freunde sein. Dieter Süverkrüp, einer der beiden Komponisten des Liedes, war in den 1970er Jahren Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), ähnlich wie andere prominente Liedermacher der Bonner Republik wie Hannes Wader und Franz Josef Degenhardt, der Regisseur Franz Xaver Kroetz und die Schriftstellerin Gisela Elsner. In Folge des Jahres 1968 war dies nicht so ungewöhnlich; zum Zeitgeist der „roten 1970er Jahre“ passte es auch, dass viele junge Eltern ihre Kinder schon früh an ‚aufklärerische Ideen‘ heranführen wollten, wodurch ein Markt für linke Kindermusik entstand. Dazu passend wurde „Das Auto Blubberbumm“ auch in großen Zeitungen wie dem SPIEGEL und der ZEIT rezensiert: Ersterer befand in seiner Ausgabe vom 13.09.1976, dass „Rottöne […] im Kommen“ seien und das von Musikkonzernen vernachlässigte linke Liedgut „dem kleinen Dortmunder Pläne-Verlag einen überraschenden Boom[3] beschere. Kritischer urteilte die ZEIT:

Ob dieser flotte Ideologietransport für Achtjährige zu echter Kritik führen kann, muß sehr bezweifelt werden. Schade, ein Versuch, Alternativen zum sonst üblichen Verdummungsprogramm der Mehrzahl von Kinderschallplatten zu leisten, bleibt in undifferenzierter Agit-Prop-Manier stecken. [4]

Obwohl „Das Auto Blubberbumm“ in einem linken Verlag erschien, kann es jedoch auch symbolhaft für einen Automatisierungsdiskurs in Westdeutschland gesehen werden, den auch SPD und Gewerkschaften lange Zeit teilten: Danach war die Automatisierung – solange sie sich unter den richtigen Voraussetzungen vollziehe – die Freundin der arbeitenden Klasse; ihre negativen Folgen ergaben sich vor allem durch das bestehende kapitalistische System; und je mehr Mitbestimmung die Arbeiterklasse über die Maschinen hätte, desto positiver könnten deren Wirkung für die Gesellschaft sein. 1957 etwa heißt es im Programm der SPD zur Bundestagswahl:

Die mit Hilfe der Technik steigende Produktivität der Arbeitskraft kann die Menschen besser versorgen und ihre Arbeitslast erleichtern. Sie soll vor allem zu einer Verkürzung der Arbeitszeit mit vollem Lohnausgleich führen. Die so gewonnene freie Zeit schafft den arbeitenden Menschen die Möglichkeit, ihr Leben in Freiheit würdiger zu erfüllen, sich ihrer Familie und öffentlichen Aufgaben zu widmen. [5]

Dieses sehr positive Verständnis der Automatisierung begann sich in den 1970er Jahren zu wandeln, wovon nicht nur die SPD und die Gewerkschaften, sondern auch die in Folge von 1968 entstandene neue Linke betroffen war. Eines der wichtigsten Ereignisse dabei war die Erdölkrise von 1973, die die Vorstellung eines grenzenlosen Fortschritts in Zweifel zog. Im Jahr zuvor war auch der Bericht Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome erschienen, [6] der in der Gesellschaft intensiv diskutiert wurde. Zudem kam es in Folge der Ölkrise zu einer schweren Rezession, die dazu führte, dass nach zwei Jahrzehnten faktischer Vollbeschäftigung die Arbeitslosenzahlen wieder anzusteigen begannen und schnell die Millionenmarke überschritten. „Technologische Arbeitslosigkeit“  wurde nun zu etwas, was zunehmend diskutiert wurde. Auseinandersetzungen um die Kernenergie und andere technische Großprojekte taten ihr Übriges dazu, dass die Logik des technischen Fortschritts sowie die vorher positiv bewertete Automatisierung zunehmend hinterfragt wurde: SPD und Gewerkschaften war und blieb es weiterhin wichtig, ihr positives Verständnis des technischen Fortschritts herauszustellen, dies allerdings mit dem Vorbehalt, dass dieser human, sozial und ökologisch gestaltet werden müsse. [7]

Für unser Projekt ist das Lied von Kalle seiner Freundin ein spannendes Zeitdokument, weil es eine bestimmte Sicht auf Automatisierung wiedergibt, die in der frühen Bonner Republik verbreitet war, sich jedoch schon ein paar Jahre später zu wandeln begann. Die zweite Hälfte der 1970er Jahre erlebte den Aufstieg der Ökologiebewegung, die in Gestalt der Grünen 1983 schließlich auch in den Bundestag einzog. Im gesellschaftlichen Klima der frühen 1980er Jahre wurden die Automatisierung und beginnende Digitalisierung sehr viel kritischer gesehen, als es ein paar Jahre zuvor noch der Fall war und eine solch positive Sichtweise freundlicher Maschinen, wie sie im Lied ausgedrückt wird, wäre wohl nicht mehr en vogue gewesen. Repräsentativer für den Zeitgeist der 1980er dürften die ‚lärmenden Maschinen‘ sein, die im Lied ‚Karl der Käfer‘ der Band Gänsehaut ‚den Wald überrollen‘. [8] Das ‚Lied von Kalle seiner Freundin‘ ermöglicht insofern einen Einblick in den Zeitgeist eines vergangenen Jahrzehnts, der heute nicht mehr allen Menschen geläufig ist.

Wir möchten uns bei all unseren Kolleginnen und Kollegen bedanken, die Ende Oktober so tatkräftig mitgesungen und uns bei der Mitsingaktion unterstützt haben! Das gemeinsame Singen hat enormen Spaß gemacht und obwohl wir die Aktion in einem Minimalaufwand an Zeit durchführten, sind wir stolz auf das Ergebnis. Mitgesungen haben Monika Hanauska, Lisa Leander, Andie Rothenhäusler, Annegret Scheibe, Yannic Scheuermann und Philipp Schrögel, begleitet wurden wir am Piano von Zacharias Heck. Ein paar Bilder zu unserem Filmdreh findet ihr hier:

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[1] Homepage Mitsingaktion „Klingt nach Teamwork“
[2] Alle Zitate: Süverkrüp, Dieter; Dauner, Wolfgang: Das Auto Blubberbumm – Ein Musical für Kinder ab 8. LP, Pläne – K20903, 1976.
[3] Schallplatten: Rottöne sind im Kommen, in: DER SPIEGEL 38/1976, S. 169.
[4] Rezension in der ZEIT 41/1976.
[5] SPD-Programm zur Bundestagswahl 1957. In: Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Jg. 1956/57, S. 342-351, S. 347.
[6] Vgl. Meadows, Dennis L.; Meadows, Donella H. et al.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.
[7] So äußerte sich die SPD in ihrem Regierungsprogramm von 1983 deutlich kritischer gegenüber den Heilsversprechen der Technisierung: Längst ist die frühere Erwartung der Menschheit zweifelhaft geworden, daß technischer und wissenschaftlicher Fortschritt letztlich immer Nutzen und Vorteile bringt. Heute fragen die Menschen besorgt, ob nicht auch zunehmend bedrohliche und also gesellschaftlich unerwünschte technische Möglichkeiten eröffnet werden.“ Das Regierungsprogramm der SPD 1983 – 1987, 21. Januar 1983, Dortmund, Westfalenhalle. In: Protokolle der Verhandlungen, Anlagen: Wahlparteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 1983, S. 161-192, S. 186
[8] Gänsehaut: Karl der Käfer, Papagayo Musikverlage Hans Gerig oHG, 1983.

 

About the author: Andie Rothenhäusler